Ich bin Urheber

Ich habe in den letzten Jahren mehr als 500 Artikel geschrieben. Ich habe an Publikationen mitgewirkt. Ich habe Fotomontagen und Kampagnen designt. Ich habe Fotos gemacht und sie zum Weiterverbreiten ins Netz gestellt. Ich habe Wikipedia-Artikel geschrieben, korrigiert und weiterentwickelt. Ich habe Interviews aufgenommen und Podcasts produziert. Ich habe Lehrvideos gedreht. Ich habe recherchiert und Reportagen gemacht. Ich habe von Demonstrationen getwittert und berichtet. Ich habe manchmal nur fünf Leser erreicht und manchmal 50.000.

Ich habe Herzblut in alle meine Werke investiert. Ich habe Informationen zusammengetragen. Ich habe Vorträge gehalten. Ich habe Ereignisse kuratiert. Ich habe mich gefreut, wenn ich gelesen wurde. Ich habe Kunst gemacht und triviale Prosa. Ich habe Rants geschrieben. Ich habe Zeit investiert, um etwas zu schaffen. Ich habe kleine Skandale ausgelöst. Ich habe mitgewirkt an Meinungsbildung. Ich habe in mühsamer Arbeit Präsentationen erstellt und diese weitergegeben. Ich habe Leuten etwas beigebracht. Ich habe Texte mit anderen zusammen geschrieben. Ich habe viel gelesen und das in meine Artikel einfließen lassen. Ich habe zitiert. Ich habe gelernt von anderen. Ich habe geremixt. Ich habe Zuspruch erhalten und Ablehnung.

Ich sehe das Internet als Chance, Informationen weltweit zu teilen. Ich teile gerne und werde gerne geteilt. Ich sehe hunderttausende von Urhebern, die aus freien Stücken und Spaß an der Freude, Werke schaffen. Ich bin voll der Freude zu sehen, was Menschen für andere schaffen. Ich bin stolz, wenn andere mich referenzieren. Ich will Austausch, Diskussion und Debatte. Ich will, dass Regierungen transparent werden. Ich will diese Daten offen nutzen können.

Ich sehe eine noch nie dagewesene Vielfalt an Medien, Autoren und Künstlern. Ich sehe Menschen auf Youtube, die sich eigene Fernsehkanäle schaffen. Ich sehe das Netz als die Demokratisierung der Medien, die ich immer haben wollte. Ich sehe die mediale Einbahnstraße endlich durchbrochen. Ich sehe neue Geschäftsmodelle und Finanzierungsmöglichkeiten. Ich sehe Leute, die Nischen füllen. Ich sehe Pluralität. Ich bin fasziniert von dem, was möglich ist. Ich glaube daran, dass dies alles uns gesellschaftlich weiterbringt.

Ich habe die Schnauze voll. Ich habe keine Lust mehr mich von den gutverdienenden Urheber-Lakaien der Verwertungsindustrie beschimpfen zu lassen. Ich habe keine Lust mehr auf die Eindimensionalität dieser Debatte. Ich kritisiere die Ausbeutung von Autoren durch Verlage und Verwerter. Ich bin fertig damit, mich als Raubkopierer diffamieren zu lassen. Ich sehe nicht ein, dass Charlotte Roche oder irgendwelche Tatort-Autoren, einen Alleinvertretungsanspruch auf das Wort Urheber erheben. Ich lasse mich nicht als Prosumer titulieren. Ich will, dass Urhebern Respekt gezollt wird. Ich freue mich auf den Tag, an dem die Verwertungsindustrie sterben wird. Ich will, dass wir uns selbst organisieren.

Ich bin dagegen, dass Kunst und kreatives Schaffen auf kapitalistische Wertschöpfung reduziert werden. Ich sehe, dass das Internet von verschiedener Seite attackiert wird. Ich bin wütend. Ich werde gegen jede Einschränkung von Grund- und Bürgerrechten meine Stimme erheben. Ich werde mir die freie Meinungsäußerung und den freien Fluss von Wissen und Information von niemandem nehmen lassen. Ich will noch mehr freie Informationen überall verfügbar haben. Ich werde dafür kämpfen.

Ich will die unendlichen Chancen nutzen, die das Internet bietet. Ich will, dass noch viel mehr Leute Urheberinnen und Urheber werden. Ich will das Wissen und die Kreativität der Menschheit nutzen. Ich will meinen Teil dazu beitragen. Ich werde weiter etwas schaffen, was Leute mögen oder hassen, was Menschen nutzen oder lassen können. Ich will Informationen geben und nehmen. Ich liebe Internet dafür, was es ist. Ich liebe die Freiheit.

Ich bin Urheber.

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

58 Kommentare

  1. acid says:

    Ich danke dir für diesen tollen Text, kann den vollumfänglich unterschreiben :)

  2. acid says:

    Ich danke dir für diesen tollen Text, kann den vollumfänglich unterschreiben :)

  3. Thorsten says:

    Bin sprachlos über diesen Text. Er ist genial und trifft genau den Nerv der Netzgemeinde. Einfach das was wir alle denke und fühlen. Ich stimme dir voll und ganz zu, hoffe das es irgendwann ein komplett freies Internet gibt das nicht von Verwertungsgesellschaften zensiert wird.

  4. Christian says:

    Danke!

  5. Maddy says:

    Vielen Dank!

    Dieser Text du sprichst mir aus der Seele

  6. slowtiger says:

    Alles schön und gut, aber: wovon lebst du?
    (Und nein, ich fühle mich von jenen Promi-Urhebern nicht im geringsten vertreten.)

  7. Timo says:

    wenn du davon leben wolltest, dass du 500 Artikel schreibst, dann bezweifel ich, dass das geht. Bloggen, schreiben allein für den Blog, für wikipedia, für andere, ja, das mache ich auch. in meiner Freizeit. Geld verdiene ich woanders.
    und ich mag die Künstler, die eine Sache richtig gut machen. Dafür will ich sie bezahlen. Wenn auf dem Weg dahin (der Weg meines Geldes in die Tasche des Künstlers) noch andere ebenfalls Geld bekommen, weil sie dem Künstler “irgendwie” helfen, dann finde ich das ok.
    Also, wie slowtiger frag ich: wovon soll ein Künstler, der eine Sache richtig gut kann, im Internet leben? (Ich spreche nicht von Lebenskünstlern, die 28 Nebentätigkeiten haben…)

  8. Pretch says:

    @Timo das will Dir doch keiner verbieten?! Du darfst jederzeit Künstler die Du gut findest mit Geld in Hohe Deiner Wahl bewerfen … solange Dir Künstler die Möglichkeit dazu geben.
    Klingt komisch, funktioniert im Netz aber schon ausgesprochen gut.
    Die Frage wovon der Autor lebt versteh ich nicht. Ist das irgendwie von Belang? Er lebt ja scheinbar und schreibt Texte und das ganz ohne Verwerter im Rücken oder gerade deshalb?

  9. Social Heinz says:

    Wo sind denn die Bücher und Filme, die du gedreht hast? Komisch, dass alle solidatisch sind, wenn es um Tweets und Blogeinträge geht, aber bei komplexeren Sachen wie Liedern, Filmen und Romanen ist es plötzlich alles Dreck in der Wertschätzung, das angeblich jeder kann. Erbärmlich.

  10. Hanne says:

    Social Heinz, du hast den text wohl nicht gelesen. gehts dort nict gerade auchum wertschätzung?

  11. Kilian says:

    Ein Vergleich der beiden Texte hat ergeben: Die 100 hochbezahlten Verwertungsgesellschaftsvertreter sind ihr Geld nicht wert.

  12. Stachi says:

    Wär’ ich auf Google würd’ ich +1en, wär’ ich auf F*book würd’ ich liken.

  13. Timo says:

    @Pretch. Hm. Hast du ein Beispiel, wo das im Internet gut funktioniert?
    Klar, Künstler können auch umdenken: nicht das Werk, sondern das Konzert, die Performance, das Merchandising drum herum bringt das Geld. Es fällt mir noch schwer, an eine faire, gute Umsetzung der Idee zu glauben. (Mist, liegt das an meinem Menschenbild, dass ich nicht an die freiwillige Zahlung von Internlesern, -downloadern glaube?)
    Ich find den wir-sind-die-buerger grad sehr sympathisch. Schaun mer mal, wie’s weitergeht.

  14. Sam Vimes says:

    :-D
    und mein erster Gedanke nach dem Lesen war:
    “und ich will mir endliche einen Flattr-Account anlegen, …”

    My click will be comming, soon!

  15. jennui says:

    Ich kann nur sagen – Danke fuer diesen Text. Stehe voll und ganz dahinter. Dank Internet und neuer Medien, bin ich erst zum Urheber geworden, und lebe davon ganz anstaendig – ohne Verwertungsgesellschaft (die gibt es fuer das, was ich mache, eh nicht), ohne HADOPI, ohne erhobenen Zeigefinger.

  16. S. Schiller says:

    Jeap coole Idee, ab sofort zählt jeder nur noch das was er denkt, wass die Ware oder Dienstleistung wert ist. Freiwillige Verhutungssysteme sind super. Bin gespannt, ob der Fleischer um die Ecke, der Arzt oder Autohändler davon Leben kann. Achja für ne neue Webseite Zahl ich auch nur, das was ich möchte.

    Achja und ob der Autor dieses Artikel von den 500 Beiträgen leben kann und ausreichend verdient, um seinen Unterhalt zu bestreiten, wissen wir nicht.

    Jeder Urheber kann entscheiden, wie er seine Werke vermarktet, selber oder von Dritten – das haben nicht die Nutzer zu entscheiden. Achja und Nutzer die nur direkt vom Urheber konsumieren wollen, brauchen den Rest ja nicht. Es muss ja nicht immer der Blockbuster sein – oder doch, anscheine sind die ja so super, das man sie illegal downloaden muss.

  17. heidrun says:

    das ist einfach großartig zu lesen. soviel selbstausbeutung verdient gelobt zu werden in einem/unserem system, das geld zur existenzberechtigung erhoben hat.
    ich hoffe sehr für ihn daß er nicht unter brücken nächtigen, zahnlos und halbblind in der welt leben muß, sondern genügend mäzene findet in deren abhängigkeit er sich dann auch fühlen darf.
    oder hat er eine profitable haupteinnahmequelle bzw. ein dickes konto?
    also das netz als hobby?

    wenn sich hauptberufliche schreiber, musiker, fotografen, bildende künstler werden bis jetzt gar nicht erwähnt, gegen die aufhebung des urheberrechts im netzt wehren -dann geht es auch um deren materielle existenz. die meisten leben eh am minimum.

    ich hätte schon gerne die konsequenz und aussichten für diese leute erläutert. ich glaube nicht, daß sie solange warten können bis sich unsere gesellschaft zu freiwilligkeitszahlungen, für im netz gebotenes, verändert hat.

    das wäre toll, wenn mir John F. Nebel was dazu sagen könnte wie es gehen kann.

  18. eric says:

    Nun ja, ich schreibe sogar noch mehr und bin auch auf Voträgen u.s.w.. Und ich bin sogar gelernter Journalist, deshalb ist da auch kein Hobby. NUR: Ich mache das deshalb völlig frei von Gedanken an das Urheberrecht, weil ich das “nebenher” sozusagen als persönliches Marketing (und doch als Hobby) mache. Leben könnte ich davon nicht – auch, wenn ich das wollte.

    Ich bin also Nebenher-Autor.

    Aber ich bin froh, dass es auch hauptberufliche Autoren, dass es Schauspieler und Musiker gibt. Nicht nur welche wie uns, die das halt mal so nebenher machen, sondern welche, die daraus einen Beruf gemacht haben.

    Nur, wovon sollen die leben? Jedenfalls nicht von einem Flattr-Button auf der Seite.

    Wir Blogger sollten nicht so überheblich sein, und den Profi-Künstlern Ideenlosigkeit beim Geldverdienen vorwerfen. Das haben sie nämlich nicht verdient…

  19. Ich says:

    @Timo:
    “Wie ist es nun also weiter gegangen mit Flattr? Nicht schlecht. Über die letzten 12 Monate haben sich meine Zahlen im Jahresvergleich um bis zu 40% gesteigert, so dass ich jetzt bis zu 2500 EUR im Monat nach Abzug der für mich anfallenden Umsatzsteuer verbuchen kann.”
    Tim Pritlove
    http://tim.geekheim.de/2012/05/01/zwei-jahre-flattr/

  20. Piero Brunetti says:

    ich bin auch Künstler und stimme diesen text 500% mit einem Bedingungsloses Einkommen aus staatlicher Seite ist das Problem mit dem Urheber ganz schnell vom Tisch…und die GEMA kann endlich abgeschafft werden…wenn die Künstler wüssten sie die GEMA uns abzockt seit Jahrzehnte dann würde diese Institution morgen schliessen.

  21. Flo Diehl says:

    danke dir. flattr wurde aktiviert ;-)
    weiter so!

  22. John, gibt es diesen Text auch in Englisch? Falls nicht, darf ich ihn übersetzen und weiter verbreiten? Vielen Dank für Deine klaren Worte.

  23. John F. Nebel says:

    @Harald: Kannst Du sehr gerne übersetzen und weiterverbreiten.

  24. Jakob B. says:

    Ja. Du sprichst uns aus dem Herzen!

  25. Christa Ritter says:

    Tolle Leidenschaft für das Teilen, für das Netz, für die Community, für Kreativität – für ein besseresLeben! Danke!!

  26. Christa Ritter says:

    Tolle Leidenschaft für das Teilen, für das Netz, für die Community, für Kreativität – für ein besseres Leben! Danke!!

  27. Susanne says:

    Danke für diesen Beitrag, der auch mal die andere Seite des “Wir sind Urheber”-Geschreis formuliert. DAS würde ich so und sofort unterschreiben!

  28. Stefan says:

    Hier noch ein schöner Bildbeitrag, der veranschaulicht wie sehr wir alle beim Filmgucken unter Generalverdacht stehen. Und der Kunde ist der Geschädigte: http://www.geek.com/wp-content/uploads/2010/02/piratedvd.jpg

    Auf der einen Seite ist es schön, wie einfach man über das Internet an Content kommt. Auf der anderen Seite sind es gerade die legalen Distributionswege, die diese Möglichkeiten meiden. Leidiges Beispiel sind amerikanische Fernsehproduktionen die es nicht in deutsche Fernsehanstalten schaffen. Das weltweite Publikum für solche Produktionen, wäre, auch ohne Sprachsynchronisierung, durchaus bereit dafür zu zahlen, z.B. auf ITunes.
    Stattdessen werden die Mauern hochgezogen. Auf Filmportalen wie Amazon US, Netflix, Youtube usw. werden deutsche Kunden ausgesperrt, obwohl sie dort sind, weil sie Geld ausgeben würden. Aber lieber keine weltweite Vermarktung, lieber keine weiteren Kunden.
    Was nun passiert ist, dass sich die Werke andere Wege suchen, werden in schlechterer Qualität konsumiert, weil das Interesse ja trotzdem da ist.

    Was ich mich frage – und worauf ich keine Antwort habe – ist diese noch 7 Jahrzehnte nach dem Tod des Autors geltende Schutzfrist so gut für unsere Gesellschaft? Ja, damit werden Autoren geschützt und es muss sicher eine Form von Schutz her. Aber Artikel wie dieser hier (http://www.heise.de/tp/artikel/33/33092/1.html) und das oben beschriebene Beispiel zeigen auch, dass das Urheberrecht auch seine Schattenseiten hat. Hohe Mauern unterbinden wirtschaftlichen Austausch.

  29. SC says:

    Du hast einen guten Beitrag verfasst. Du hast dabei einen interessantes Stilmittel verwendet. Du bzw. Dein Artikel wurde von mir via Twitter gefeatured.

  30. Henni says:

    Vielen Dank für deinen leidenschaftlichen Beitrag. Er spricht mir aus dem tiefsten Herzen. Kreativität und Kunst kennen wie das Netz keine Grenzen.

  31. c0r3nn says:

    Fasst es gut zusammen. Danke John.

    (Creativity lives, when you are free to share)

  32. Erik says:

    Saugut! Nur einen kleinen Änderungswunsch-, bzw. Hinweis:
    Du bist nicht wütend, du bist zornig. Denn wenn du wütend wärst, würdest du wie viele andere auch als “Wutbürger” diffamiert. Als Zornbürger kann man dich nicht diffamieren – zumindest nicht mehr so einfach wie es bisher mit den Wutbürgern geschehen ist.

  33. Emil Klopfenstein says:

    Mir aus dem Herzen geschrieben!
    Sonst:
    Künstler der Schergen beschäftigt, und bezahlt, weil er Leistung nur gegen Geld erbringen will … Künstler? Wo bleibt die Kunst, wer bezahlt die Vorleister eben dieser “Kunst (die Gesellschaft mit ihrer ganzen Vergangenheit)?
    Künstler müssen leben können! Gilt das auch für Schergen?

  34. Claudia says:

    Ich möchte dem Autor auch zustimmen, allerdings mit der Einschränkung, dass es so tatsächlich nur für den funktioniert, der ein festes Einkommen hat. Ich bin mit der gleichen Motivation ins Netz gegangen und ich mache mit ähnlicher Motivation und Begeisterung auch Musik (live, nicht online). Aber ich lebe von einem gut bezahlten Job als Ingenieur. Ich möchte gerne diese innere Zweiteilung beenden und mich dem was ich gerne tue ganz zuwenden. Das wäre dann online publizieren und Musik machen. Kann ich aber nicht, weil ich davon nicht leben kann. So lebe ich also den Spagat, die Schizophrenie, lasse meinen Blog manchmal tagelang ruhen und werde gelegentlich noch von meinen Website-Besuchern dafür angepöpelt, dass ich nicht im Handumdrehen auf jede Mailfrage antworte. Ich muss aus meiner Erfahrung sagen, dass bei allem was ich in den letzten Jahren an Informationen auf meiner Seite bereitgestellt habe trotzdem häufig sehr fordernde und auch beleidigende Mails kommen, die erwarten, mit massgeschneiderten Informationen oder kostenlosen Noten “versorgt” zu werden. Ich finde bei aller Begeisterung für das Netz (die ich wirklich habe), muss auch diese Entwicklung deutlich angesprochen werden. Es gehört auch auf Konsumentenseite ein Bewusstsein für de getriebenen Aufwand dazu. Ich glaube, wir brauchen ganz neue Wege für alle Schaffenden und auch für alle Konsumierenden

  35. Dirk Moebius says:

    @slowtiger/timo/claudia:
    Ich verstehe ueberhaupt nicht, warum die Urheberrechtsdebatte immer wieder mit der Forderung verknupeft wird, von den geschaffenen Werken – und nur von denen – auskoemmlich leben zu koennen.
    Also, ich verstehe es schon, im Sinne der Eristik. Aber ich halte das fuer falsch. Wer Urheberschaft nur an der erfolgreichen Kapitalisierung misst, der sieht Kunst auch nur als eine kommerzielle Veranstaltung. Das ist die natuerliche Sicht des Verwerters, des Verkaeufers, des Spekulanten – aber nicht unbedingt die natuerliche Sicht des Musikers, des Malers, des Autors.

    Auch ich bin Urheber.

    Ich schreibe Texte, ich mache Fotos. Manche fuer mich selber, manche gebe ich gern an andere Menschen weiter, manche verkaufe ich auch, online oder auch fuer Totoholznutzung. Aber [grade] als Fotograf weiss ich, dass man davon nur dann gut leben kann, wenn man sich an den Meistbietenden verkauft. Ideale muss man sich leisten koennen. Dafuer habe ich einen Job, der mir Geld bringt – uebrigens auch einen kreativen, weil auch Software, wenn sie nur speziell genug ist, eine erhebliche kreative Anforderung darstellt. Wird natuerlich von “richtigen” Kuenstlern nicht so gesehen, das schadet dem Selbstbild.

    Den Job fuer die Broetchen und die Milch brauchen uebrigens auch all die Kuenstler, die nicht so beruehmt sind, dass sie dicke Vorschuesse von Verlagen und Verwertern bekommen, aber die werden ja auch nicht von Literaturagenten um ihre Unterschrift gebeten). All die werden von der Urheberrechtsdebatte der 2% Besitzstandswahrer zwar vereinnahmt, aber nicht vertreten.

  36. phil leicht says:

    …ich will, dass noch viel mehr Leute Urheberinnen und Urheber werden.
    Und wie wäre es da mit eigener Kreativität? Ich bin für das Urheberrecht – und wenn man die Netzgemeinde wahrnimmt wie sie Doktorarbeitenfälscher verfolgt, könnte man die auch von Ihr denken! Ich bin aber auch für das freie Internet, nur Freiheit heißt auch Verantwortung! Ich möchte meine Bilder nicht mit einem anderem Namen darunter finden, nicht meine Zeile in einem fremden Buch finden, nicht meine Ideen kopiert wissen… nicht….. Wie mag man den einzelnen schützen? Könnt ihr mir da ne Antwort drauf geben??? Klar ist es ein Einfaches, etwas zu teilen, zu kopieren zu…. aber vergesst ihr da nicht etwas – denjenigen der dies vielleicht gar nicht mag?

  37. Dirk Moebius says:

    Lieber Phil,

    ich verstehe Deinen Wunsch.

    Aber wie willst Du ihn umgesetzt sehen? Wie soll eine Sicherung Deines (nicht unebrechtigten) Anspruchs aussehen, wenn man jetzt eine Totalueberwachung des Internetverkehrs *nicht* als Loesung ansieht?

    Wie willst Du in der Abwaegung zwischen Urheberrecht und dem Recht auf angstfreie und ungestoerte Kommunikation (auch ueber intimste Geheimnisse) die Balance findn?

    Kurz: Welche Loesung schlaegst *DU* vor?

  38. Löwe auf dem Fahrrad says:

    @Dirk Moebius

    Die Totalüberwachung des Netzes wäre fatal und wohl auch von den allermeisten Urhebern nicht erwünscht!

    Die Nullpartizipation der Künstler an den Milliardeneinnahmen von Google/Youtube (10 Milliarden pro Jahr weltweit) zumindest der Millionen in D. ist aber auch wenig erfreulich.

    Die Aufhebung des Urheberrechts hätte auch fatale Folgen! Ich könnte morgen sämtliche Michael Jackson und Beatles Titel als Bundle im Mickeymouse Modus für 19 Cent verkaufen. Das werden hier auch viele nicht erlauben (und auch nicht hören) wollen.

    Wäre es nicht aber sehr richtig und gerecht bestimmte Filesharer-Portale, die einen Maximal-Anteil an urheberrechtlich relevanten Inhalten tauschen, zu schließen, wie gerade in UK geschehen?

    Das heißt ja nicht, dass dazu jeder einzelne User überwacht werden darf oder soll.

    Für die Freiheit im Netz zu kämpfen heißt für mich auch, dass bald ein Ausgleich der Interessen von Urhebern und Usern erzielt werden muss!!

    Denn ich mag es auch nicht, wenn die Oberkontrolleure der Welt die Interssen der Künstler ausnutzen, um Oberwasser in der Durchsetzung der Vorratsdatenspeicherung zu erhalten.

    Es muss also recht bald eine Regelung zwischen Politik, Verwertungsgesellschaften, Urhebern. Usergemeinschaften (wer kann das eigentlich sein?) und Internetkonzernen herbeigeführt werden.

    Und das möglichst weltweit,
    auweia, wie soll das gehen?

  39. Dirk Moebius says:

    @Loewe:

    ich wuerde, als ersten Ansatz, gern eine ganz ganz dicke Linie ziehen wollen zwischen Leuten, die Dinge fuer sich und andere kopieren, ohne dabei mehr als das Kopieren zu beabsichtigen und Leuten, die damit Geld machen. Das hab ich auch auf dem Schulhof schon so gehalten, als noch Kassetten kopiert und getauscht wurden – wer Kopiertes *verkauft*, den moege mit aller Wucht das Strafrecht treffen.

    Dann wuerde ich gerne die Urheber- von den Verwerterrechten trennen, also die Diskussion darueber. Die Idee, dass spaetestens nach 25 Jahren die Verwertungsrechte automatisch an den Urheber zurueckgehen, setzt die Urheber in eine staerekere Position bei der Verhandlung um neue Nutzungskonzepte (als die Beatles ihre Musik einspielten, hatten sie von iTunes noch nie gehoert). Und ich bin auch dafuer, dass Verwerter, die ihr Recht auf Verwertung nicht ausueben (also z.B. Rechte an Buechern halten, aber keine Neuauflagen zulassen), diese Rechte nach fuenf (oder meintewegen zehn) Jahren wieder verlieren.

    Und ich haette gern eine Verkuerzung des postmortalen Urheberrechts, aus persoenlichen Gruenden, aber auch, um all die verwaisten “Werke” zurueckzuholen aus dem Vergessen. Dazu ein reales Beispiel: Mein Urgrossvater war Reichstagsabgeordneter in den zwanziger Jahren. War ja nicht alles schlecht damals. Ich besitze ein Foto von ihm, das ich aber in den betreffenden Wikipedia/Artikel nicht einstellen darf. Das Fotostudio von damals gibt es nicht mehr, nicht mal mehr die Adresse. Aber das Urheberrecht liegt eben bei dem Angestellten des Fotostudios, der damals auf den Ausloeser gedrueckt hat – dessen Namen ich nicht kenne und von dem ich nicht weiss, ob er womoeglich vor 1937 gestorben ist. Moeglich ist es, aber vielleicht war es auch der Lehrling und er ist erst 1985 gestorben und das Foto kann dann erst 2060 wieder benutzt werden.

    Momentan ist das, was in den grossen Medien ablaeuft, ja keine Diskussion, sondern nur Glaubensbekenntnisse, die einen bestehen auf einem festbetonierten Urheberrecht im Geiste des 19. Jahrhunderts, den anderen wird die Forderung nach einer Gratiskultur vorgeworfen (wobei mir noch niemand begegnet ist, der wirklich “alles und fuer alle umsonst” fordert, jedenfalls niemand, der mit seinem Namen fuer seine Beitraege einsteht).
    Was wir braeuchten, waere ein Dialog, der einen Interessenausgleich wenigstens sucht.

  40. Dirk Moebius says:

    Oops, ich habe da versehentlich mit 75 statt 70 Jahren post mortem gerechnet. Geistige Umnachtung oder so…

  41. Hardy says:

    … du sprichst mir aus der Seele … perfekt auf den Punkt gebracht …

  42. sigmundo says:

    let’s all be composers!

    a composer is a guy who goes around forcing his will on unsuspecting air molecules, often with the assistance of unsuspecting musicians.

    want to be a composer? …

    just follow these simple instructions:

    1) declare your intention to create a ‘composition’.

    2) start a piece at some time.

    3) cause something to happen over a period of time (it doesn’t matter what happens in your ‘time hole’ – we have critics to tell us whether its any good or not, so we won’t worry about that part).

    4) end the piece at some time (or keep it going, telling the audience it’s a ‘work in progress’).

    5) get a part-time job so you can continue to do stuff like this.

    tja, leider nicht von mir, sondern vom guten, alten zappa! aus dem ‘real frank zappa book’, etwas gekürzt…

  43. martin däniken says:

    super,
    ich gehöre auch zu denen die c-64 programme auf datasette in den 80er getauscht haben oder auch selbstbespielte cassetten.
    ein punkt ist für mich je früher man lehrt und lehrt was geistiges eigentum wert ist und vor allem das einen wert darstellt,desto eher kommt ein “hersteller” von werten zu geld…ist zwar nicht das wichtigste aber um h.kohl zuzitieren”leistung soll sich lohnen!”
    es sollte doch möglich sein in der schule oder im elternhaus´den kindern eine achtung vor geistigen genussartikel beizubringen.
    funktioniert am besten wie alles in der erziehung durch vorleben.
    es ist auf der einen seite “schön” sich für lau alles mögliche aus dem netz zuziehen aber das fördert nicht die wertschätzung des gesaugten materials.
    erst durch bezahlen zählt etwas…

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