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Medienvielfalt selber machen – was die Zeitungskrise mit Blogs zu tun hat

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Es gibt viele kluge Texte zum Zeitungssterben. Sie alle weisen endlich über Plattitüden a la „Böse Kostenloskultur“ und “Haha! Totholzmedien, selber Schuld!” hinaus.

Zu nennen sind hier die Artikel von Sascha Lobo (Nachrichten sind nicht statisch, sondern im Fluss), Richard Gutjahr (Stellt den Kunden in den Mittelpunkt!), Stefan Plöchinger (Schafft Leser-Wohlfühl-Clubs!), Wolfgang Blau (Das Konstrukt Tageszeitung ist das Problem) und Dirk von Gehlen (Denkt die Tageszeitung neu!).

In der Diskussion nicht aufgetaucht sind bislang Blogs und Podcasts. Beide sind ein komplett anderes Modell als die schwerfällige Tageszeitung. Sie sind Ergänzung und Vertiefung. Sie dienen der Einordnung von Themen. Sie kommentieren und geben Hintergrundwissen.

Die Freiheit der Blogs

Blogs sind wirtschaftlich ungebunden. Sie gehören keinen Verlagen. Sie lieben Meinungsstärke und Polarisierung. Sie sind mutig. Sie sind nicht auf (lokale) Anzeigenkunden angewiesen. Blogs probieren neue Formate aus und sind immer über neueste digitale Entwicklungen informiert. Blogs haben einen Draht zu ihren Lesern. Sie leben mit dem ständigen Feedback. Blogs sind schnell. Sie sind Trendsetter und Themenspürnasen. Die Übernahme eines Posts der Popcornpiraten auf Spiegel Online dauert im Zweifelsfall keine 30 Minuten.

Was fehlt, ist der Sprung vom Feierabendbloggen zum richtigen, wichtigen, hintergründigen, speziellen, gutinformierten Journalismus. Und der kostet Geld.

Wieviel ist mir eigentlich Wert, dass Netzpolitik.org einen Journalisten anstellt, der beim Innenministerium nachbohrt und komplexe Themen fachgerecht aufbereitet? Wieviel ist es mir wert, dass ich bei einem Blog Nachrichten in einer Tiefe bekomme, die andere Online-Medien nicht leisten können? Wieviel ist mir die Satire des Postillon wert? Oder der Artikel eines unbekannten Bloggers über Kochen im Spätmittelalter? Wieviel der Podcast über Sportjournalismus?

Schalte ich den Werbeblocker aus? Zahle ich per Mikropayment und Flattr ein bisschen? Mache ich einen monatlichen Dauerauftrag von 5 Euro? Werde ich Mitglied in einem Club und bekomme dafür Aufkleber, Jahrbuch und ähnliches? Zahle ich vorweg per Crowdfunding?

Medienvielfalt selber machen

Wir müssen über Geld reden. Denn Medienvielfalt hängt nicht nur von Verlagen ab, deren Print-Tageszeitungen abschmieren, sondern der Auswahl diverser, verfügbarer, spannender, lesbarer, hörbarer, konsumierbarer Medien insgesamt. Dazu gehören Blogs und Podcasts. Und Medienvielfalt ist natürlich von der Qualität der Inhalte abhängig. Und Qualität gibt es eben nur schwer, wenn man abends nach einem 10-Stunden-Tag noch ein paar Zeilen ins Blog hackt. Qualität gibt es, wenn Leute Zeit, Muße und Begeisterung in den Inhalt stecken können. Und dann braucht es Leser, bei denen gute Inhalte Enthusiasmus und den Griff zum Geldbeutel auslösen.

Wir Blogger:innen können diese Krise traditioneller Medien als Chance begreifen. Wir können den Freiraum, den Blogs bieten, für modernen Journalismus nutzen. Wir können junge Journalisten davon überzeugen, dass sie sich beim Bloggen ausprobieren können. Wir können anders, weil wir es können.

Wir können mit radikalem, subjektivem und ehrlichem Journalismus neue Genres schaffen. Wir können in epischer Breite Spezialthemen behandeln. Wir haben Platz. Wir können neue Formen der Reportage erfinden. Wir können Medienformen und -formate mischen. Wir können Themen setzen. Ihnen einen Spin geben.

Wir können Experimentierfeld sein. Wir können Journalistenschule sein. Wir können Themen kuratieren. Wir können Komplexität reduzieren und gleichzeitig die Möglichkeit zur Komplexität eröffnen. Wir können kollaborativ berichten. Wir können Druck machen. Wir können Dinge richtigstellen. Wir können Leaks veröffentlichen. Wir können investigativen Journalismus. Wir haben keine Angst.

Wir können gezielt provozieren. Wir haben keine Chefredakteure. Wir sehen, welche Artikel funktionieren. Wir leben jetzt schon von der Glaubwürdigkeit. Wir haben Marken. Wir haben Sendebewusstsein. Wir machen Podcasts mit Gästen, die sonst nicht zu Wort kommen. Wir haben viele gute Autoren. Wir haben ein paar gute Blogs. Es könnten noch viel mehr werden.

Macht also mehr eigene Blogs auf, schließt Euch existierenden Blogs an. Schreibt! Sendet! Macht was!

Und wenn ihr Euch dann inhaltlich stark und insgesamt mutig genug fühlt, dann gebt den Lesern eine Chance, mit Geld den Spielraum für noch mehr gute Inhalte zu erweitern:

Medienvielfalt selber machen!

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

26 Kommentare

  1. Axel Wagner says:

    Blogs sind Meinungsmedien, in den meisten Fällen betrieben von Einzelpersonen – im Gegensatz zur “schwerfälligen” Tageszeitung, die von einem Redaktionsteam erstellt und geprüft wird. Wer garantiert dafür, dass die Informationen, die in einem Blog stehen, auch stimmen? Wer ist bereit, mit dem Autor auch eine juristische Auseinandersetzung durchzustehen, wenn es von einem kritisierten Unternehmen oder einer Privatperson Widerstand gibt? Wer zahlt dafür? Das wird sich in den wenigsten Fällen über Spenden finanzieren lassen. Dafür fehlt Blogs meist die wirtschaftliche Basis.
    Tatsache ist, dass Verlage heute in Teilen zu schwerfällig arbeiten und an veralteten Geschäftsmodellen festhalten, keine Frage. Aber auch hier ist ein Umdenken im Gange, und Redaktionen können auf aktuelle Entwicklungen in aller Regel schneller reagieren als einzelne Blogger.

  2. Joël says:

    Ich kann dir nur zustimmen, möchte aber auch darauf aufmerksam machen, dass es einige sogenannte “community media” wie z.B. Freies Radio schon länger gibt, die ebenso innovativ und ein in meinen Augen wichtiger Teil der Medienvielfalt sind. Die können aber meistens auch nur mit der Unterstützung ihrer Hörer_innen/Konsument_innen leben. Insofern nicht nur an die reinen Onlinemedien denken, sondern an alle.

  3. Guter Aufruf, wir würden auch noch gute Schreiber aufnehmen.

  4. schrotie says:

    Du hast das Problem völlig richtig erkannt: “Und Qualität gibt es eben nur schwer, wenn man abends nach einem 10-Stunden-Tag noch ein paar Zeilen ins Blog hackt.” Und dann die üblichen Schlussfolgerungen gezogen: Geld hinterher werfen, Abhängigkeiten schaffen, Blogs in der Hölle der Aufmerksamkeitsökonomie verheizen, die schon die “klassischen” Medien verbrannt hat.

    Warum? Du hast das Problem doch erkannt: der 10-Stunden Tag. Unser Gesellschaftsmodell erstickt gerade an seiner Produktivität – genaugenommen daran, dass die Produktivität schneller wächst als die Wirtschaft, und also den Arbeitsmarkt abhängt. Wir müssen es schaffen, diese Produktivität zu nutzen. Auch zum Bloggen. Aber das geht weit über das Thema Medien hinaus. Ich nenne das Qualeaktäts Journblogismus: http://schrotie.de/index.php/2010/12/qualeaktats-journblogismus/

    Guter Post ansonsten!

  5. Ich bin wohl jemand aus der ‘Generation Online’ und wie den meisten in dieser Generation fällt es mir schwer für Online-Inhalte zu zahlen. Hauptmerkmal dieser Generation ist wohl, dass alles kostenlos sein muss. Bilder sollen ohne Lizenzgebühren verwendet werden, Musik wird kostenlos runtergeladen und sobald die taz Geld für ihre Artikel will, lese ich sie nicht mehr.
    Dabei fällt es mir ‘offline’ sehr leicht die taz zu kaufen. Und ich sehe auch ein, für die ‘Zeit’ etwas mehr zu zahlen, weil: Ist ja auch dicker. Am Ende lese ich dann zwar trotzdem nur genausoviel wie in der taz aber ich habe nicht das Gefühl, zuviel gezahlt zu haben, denn ich habe ja auch was für mein Geld bekommen. Online bin ich wohl der größte Prediger des Anti-Materialismus, den die Blogosphäre je gesehen hat. Sobald ich aber für etwas zahlen soll, will ich dafür auch was in der Hand haben.
    Vor kurzem hat die taz ihr online-Abo beworben. Ich hatte das schon mal probiert, als ich für ein Jahr im Ausland war. Um auf dem neusten Stand zu bleiben und so. 10 Euro für ein tägliches PDF der Zeitung, das schien fair. Es hat mir dann aber doch nicht so viel Spaß gemacht die taz auf meinem Laptop zu lesen. Naja, wie gesagt, hat die taz es neulich noch mal bei mir versucht und ich war kurz davor zuzuschlagen. Ich hätte nämlich zusätzlich zum Online-Abo noch was bekommen: Das Google-Tablet Nexus 7.
    Das gleiche ist bei mir der Fall, wenn ich mal ein unterstützenswürdiges Kickstarter-Projekt finde. Ich spende meistens den Betrag, ab dem es etwas gibt, was ich mir aufs Regal stellen kann, mit dem ich spielen kann oder das sonst irgendeine Funktion in der ‘realen’ Welt hat. Ich spende nicht 5 Euro, um irgendwo erwähnt zu werden, sondern ich spende lieber 20 Euro und hab dann nachher auch was dafür.
    So viel mein Leben sich auch online abspielt, sobald ich für etwas Geld ausgeben soll, will ich irgendwie auch was dafür haben, was sich physikalisch in meiner Umgebung manifestiert. Das ist wohl auch der Grund, wieso ich Musik nur im äußersten Notfall online kaufe und viel lieber auf Vinyl zurückgreife. Auch wenn es das doppelte oder dreifache kostet, dafür hab ich wenigstens was, was ich mir ins Regal stellen kann. Wenn dann noch ein gratis mp3-download-code dabei ist: umso besser!
    Die Amis, unter denen ich mich gerade aufhalte, haben das Konzept schon etwas mehr verinnerlicht. Sobald man einem Club beitritt, etwas spendet oder bei irgendeiner Fundraising Aktion mitmacht, gibt es Sticker, T-Shirts und Verlosungen ganz selbstverständlich dazu.
    Ich wäre also sicher eher bereit, für einen Blog oder Podcast zu zahlen, wenn ich dafür einmalig oder regelmäßig eine physikalische Bestätigung meines Geldes bekommen würde. Sei es nur ein Sticker, ein hübscher Bleistift oder eine Weihnachtskarte.

  6. jw says:

    Netter Aufruf, nicht ganz neu. Bleiben die Fragen: Wer bezahlt die wirklichen Recherchen, die Reisen, die dazu nötig sind, die Rechnungen, den Lebensunterhalt? Denn Du meinst doch nicht das mal-so-daher-bloggen-und-die-meinung-sagen oder den tausendsten Blog über Journalismus, wo nur geredet wird, sondern wirkliche Aufklärungs/Recherche-Arbeit, deren Resultat Folgen haben sollte, oder?

    • John F. Nebel says:

      Das ist ja genau das Problemfeld, in dem Blogs sind. Entweder sie bleiben mittellos, was nicht heißen muss, dass das keine guten Blogs sind, oder aber es finden sich Möglichkeiten Recherchen, Reisen, Zubrot zu finanzieren. Gerade für investigativen Journalismus, fundierte Recherche und eigene Texte wird letzteres nötig sein. Ein Mittelweg ist ein Netzwerk von Enthusiast:innen, die nebenher und jede:r ab und zu versuchen, Zeit für Investigatives und Recherche zu investieren.

      Und klar: es geht darum, Journalismus zu machen, der wirklich etwas bewegen kann. Das ist schwer, wenn Du 40 Stunden in der Woche arbeiten musst, um zu leben.

      • Faldrian says:

        Es wäre doch schön, wenn genau für solche Recherche-Projekte Crowdfunding möglich wäre. Blogs könnten sich ein wenig zusammentun und ein Projekt vorstellen und dann bei Finanzierung durchführen. Je nachdem, wo der Fokus des einzelnen Blogs liegt, der bei der Aktion mitmacht, könnten verschiedene Artikel dabei rausfallen.

        Die Idee ist sicher auch nicht neu… wollte sie nur mal einbringen, damit sie dabei steht. :)

  7. Merja says:

    In meinen Augen fehlt noch was Anderes, was Du indirekt aber schon angesprochen hast:
    “[Blogs] sind Trendsetter und Themenspürnasen. Die Übernahme eines Posts der Popcornpiraten auf Spiegel Online dauert im Zweifelsfall keine 30 Minuten.”
    Was fehlt: Blogs _brauchen_ (bis auf ganz wenige Ausnahmen – aber auch da wäre ich mir nicht sicher) solche Übernahmen durch Massenmedien, um über die Wahrnehmungsschwelle der Blogosphäre hinauszukommen. Selbst die “Generation Online”, von der Zombiekarotte schreibt, nutzt Blogs nicht in der Breite. 7% der internetnutzenden Menschen in Deutschland lesen Blogs. Bei den unter 30-Jährigen sind es um die 11%. Journalistische Qualität, Themenvielfalt, Kreativität in der Darstellung, fundierte Recherche etc. verpuffen doch, wenn sie nur von einem Bruchteil der Gesellschaft wahrgenommen werden – und dann mutmaßlich auch nur in den jeweiligen Filter Bubbles kursieren.
    Wolfgang Michal hat oben schon auf seinen Beitrag zu “embedded Blogs” hingewiesen (http://carta.info/50363/embedded-blogs/). Vielleicht gibt es ja zu den direkt bei Massenmedien angegliederten Blogs auch noch andere Möglichkeiten, wie sich Blogs mehr Gehör verschaffen können. Sonst bleiben sie vielleicht eher das, was Michal schrieb:
    “Die Blogszene ist für die Medien heute das geworden, was früher die taz war: die Journalistenschule der Nation, der Pool, aus dem sich die großen Medien die Vielversprechendsten herausfischen können.”
    P.S.: Mit Massenmedien meine ich hier quasi im Wortsinne Medien, die sehr große Publika erreichen, das können u.a. gedruckte, gesendete oder Online-Medien sein.
    P.P.S.: Schön, wenn man ganz unerwartet mal wieder über einen Beitrag der Metronauten stolpert :-)

    • John F. Nebel says:

      Da sprichst Du natürlich eines der Grundprobleme an: ich würde behaupten, dass kein Blog in Deutschland in der Lage ist aus sich selbst heraus oder zusammen mit anderen Blogs die Wahrnehmungschwelle zu überschreiten – ohne dass eben Heise, SpOn, Zeit oder andere ein Thema aufnehmen und dann in den breiten Diskurs einbringen. Das wird sich auch nicht so schnell ändern.

      Nur könnte eben dieses “Themenanstoßen” noch viel stärker werden, wenn Blogs nicht Massenmedien auf einer Meta-Ebene zweitverwerten, sondern eben eigene Storys bringen.

  8. Also ich kann, dem Autor voll zustimmen. Ich selbst betreibe seit fast einem Jahr den Hit-TV.eu Aktuell Blog. Obwohl erst Mitte Januar gegründet, haben wir jetzt monatlich über 50 000 Leser. Wir verbreiten nur Quellnachrichten und sind meist schneller, als die meisten Medien Mitbewerber. Bei vielen Leuten ist diese Art des Journalismus angekommen, aber leider noch nicht bei der Werbewirtschaft. Viele potentielle Werbekunden haben die Meinung: Unser Großvater hat schon Zeitungsanzeigen gemacht, der Vater hat schon Zeitungsanzeigen gemacht, also kann das nicht falsch sein. Ungeachtet der stetig sinkenden Leser und Abonnentenzahlen. Statt den Dinosauriern nachzutrauern, die Zeitungen nun mal sind, sollten sich die Werbetreibenden eher mit den neuen Möglichkeiten beschäftigen. Wir bieten neben (manchmal) mehrfach aktualisierten Texten im Blog oftmals viel mehr Bilder und wenn die Möglichkeit besteht den selbst produzierten TV Beitrag. Das soll erst einmal eine Zeitung nachmachen. Natürlich würde ich gern mehr produzieren und noch mehr Nachricht bringen, aber hier stoße ich auf die beschriebenen finanziellen Grenzen. Qualitätsjournalismus ist definitiv nicht an Papier gebunden, wie es manche Zeitung gebetsmühlig propagieren. Qualitätsjournalismus bedarf eines gewissen Aufwandes, egal über welches Trägermedium man ihn transportiert

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