Interview: “Selbst bei taz-Konferenzen spricht nur ein Drittel Frauen”

anne_rothEs ist Konferenz und wieder einmal sprechen nur weiße Männer. Die Medien- und Netzaktivistin Anne Roth geht diesem Problem schon seit Längerem nach – wir haben sie zu ihrem neuesten Projekt befragt.

Du hast gerade das Projekt 50prozent.noblogs.org gestartet. Um was geht es dabei?

Ich zähle seit Jahren, wieviele Frauen als Rednerinnen bei Konferenzen dabei sind, oder bei Podien und anderen Events. Angefangen habe ich damit, um meine eigene Wahrnehmung zu überprüfen. Vor Jahren, als ich mich mit der unterschiedlichen Behandlung von Mädchen und Jungen in der Schule beschäftigt habe – lange, bevor ich selber Kinder hatte -, habe ich gelesen, dass LehrerInnen meist das Gefühl haben, dass sie Mädchen und Jungen gleich viel dran nehmen. Wenn man zählt, kommt raus, dass die Jungs viel öfter dran waren. Seitdem überprüfe ich meine Wahrnehmung, indem ich nachzähle. Und selbst bei Konferenzen, bei denen die meisten das Gefühl haben, dass die Zahl einigermaßen ausgeglichen ist, reden deutlich mehr Männer.

Meistens ist das Verhältnis aber viel schlechter. Das nervt, weil es keinen Grund gibt, warum da weniger Frauen zu sehen und zu hören sein sollten. Zählen tun viele, aber es gibt bisher keinen Ort, wo die Ergebnisse zusammengetragen werden. Als ich am Samstag die taz-Konferenz in Berlin ‘gezählt’ habe und festgestellt habe, dass selbst bei der taz nur ein Drittel Frauen sprachen, ist mir der Kragen geplatzt und ich habe 50 Prozent gestartet.

Alte weiße Männer. Das Blog 100percentmen dokumentiert solche Gremien. (Screenshot) 

Alte weiße Männer. Das Blog 100percentmen dokumentiert solche Gremien. (Screenshot) 

Ich weiß nicht, wieviele Gespräche ich schon mit Leuten geführt habe, die fest davon überzeugt sind, dass es zum jeweiligen Thema einfach keine Frauen gibt. Oder die die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen alle angefragten Frauen abgesagt haben. Frauen einzuladen ist das eine, zu berücksichtigen, dass Frauen auf Anfragen oft zurückhaltender reagieren oder wegen der Doppel- und Dreifachbelastung weniger flexibel sind, gehört aber auch dazu.

Ein Grund ist auch, dass Event-OrganisatorInnen eher an ein “gutes Programm” mit großen Namen denken als an Diversität. Das führt auch dazu, dass für jedes Thema ein relativ kleiner Kreis von Leuten immer wieder eingeladen wird. Wer einmal bekannt ist, wird so immer bekannter. Wie das funktioniert, dass Männer sich innerhalb relativ überschaubarer kleiner Gruppen gegenseitig die Stufen hochziehen, ist ja ausreichend beschrieben, und das ist bei diesem Thema nicht anders.

Damit allgemein akzeptiert wird, dass eine Konferenz mit nur oder fast nur weißen, deutschen Männern im mittleren Alter total einseitig ist, ist nötig, dass darüber diskutiert wird, dass das nicht in Ordnung ist. Und warum. Dafür soll 50 Prozent eine Grundlage sein. Mit Zahlen, aber auch Texten darüber, wie es anders geht.

Wie können Leute beim Projekt mitmachen?

Zählen! Und dann Zahlen und am besten irgendeinen Beleg oder Link an 50prozent@riseup.net schicken, oder einfach in die Kommentare bei 50prozent.noblogs.org . Außerdem gern alles andere zum Thema: von akademischen Texten bis zu Video-Clips, die sich direkt an Frauen wenden und klar machen, dass es eine Konferenz wirklich ernst meint mit der Diversität.

Du mahnst ja immer wieder die ungleiche bzw. mehrheitlich männliche Besetzung von Panels auf Konferenzen an. Wie sind die Reaktionen der Veranstalter/innen?

Entweder reagieren sie gar nicht oder aber ziemlich betreten. Es ist mir auch schon passiert, dass mich ein Mann bei irgendeinem Event zu einem anderen (Mann) schob und mit den Worten vorstellte, dass ich die bin, die immer kritisiert, dass nicht genug Frauen eingeladen sind. Worauf der sich dann schrecklich gewunden hat und erklärt, dass er sich echt Mühe gegeben hat, aber einfach keine Referentinnen gefunden hat.

Ich kann das in jedem Einzelfall sehr gut nachvollziehen, aber das Gesamtergebnis ist eben trotzdem völlig inakzeptabel. Nachdem ja sicher niemand bezweifelt, dass Frauen intellektuell genauso in der Lage sind, einen Sachverhalt in 10-15 Minuten zu beschreiben, auch auf einer Bühne, gibt es einfach keinen Grund dafür, dass das so bleibt.

Seltener Anblick: Reines Frauenpanel. Foto: CC-BY-NC-SA Helookie

Seltener Anblick: Reines Frauenpanel. Foto: CC-BY-NC-SA Helookie

Welche Konferenzen mit Vorbildcharakter gibt es und welche Konferenzen sind Negativbeispiele?

Kann ich noch nicht sagen, weil ich bisher nicht systematisch gezählt habe. Ich zähle eher Events, die mich selber inhaltlich interessieren, und dabei geht es meist um Technik, Medien, das Netz. Themen, die tendenziell eher Männer interessieren, weswegen da das Verhältnis wahrscheinlich noch schlechter ist. Ich hoffe, dass wir über 50 Prozent einen besseren Überblick kriegen.

Was mir ziemlich gut gefiel war, wie eine Berliner Technik-Konferenz letztes Jahr damit umgegangen ist: Beating the Odds — How We got 25% Women Speakers for JSConf EU 2012

Hat sich die Situation in den letzten Jahren verbessert?

Kann ich auch nicht sagen. Gefühlt würde ich sagen nein, kann ich aber
nicht belegen.

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.