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Fragen an Opa – ein Aufruf zum Protest

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Seit Wochen vergeht kein Tag, an dem nicht Überwachung, Prism, Snowden, Friedrich auf den vordersten Plätzen der Medien auftauchen. Das Thema hat sich im Sommerloch festgefressen. Und eigentlich müssten die Piraten schon bei 12 Prozent und die Straßen voll mit wütenden Demonstranten sein, die aufs Innenministerium marschieren und die Demokratie retten wollen.

Ich vermisse die Infotische auf den Straßen. Ich vermisse den besorgten Anruf meines Vaters, der sich das technisch erklären lassen will und nachfragt, ob man da nicht wieder zusammen wie bei der Vorratsdatenspeicherung vor das Verfassungsgericht ziehen könnte. Er hätte das ein paar Freunden erzählt und die seien auch dabei. Sie hätten sogar Spenden gesammelt. Bürgerrechte gingen alle etwas an. Aber Vater hat noch nicht angerufen. Zumindest nicht deswegen.

Es ist erstaunlich ruhig da draußen. Viel zu ruhig.

Mal abgesehen von einem sehr guten Freund, der nun wirklich nichts mit Computern zu schaffen hat. Der erzählte mir vor Kurzem auf einer Party, dass er jetzt aufgewacht sei. Prism habe ihn wieder politisch gemacht. Jetzt müsse etwas passieren. Das sei alles elementar. Und dann legte er nach. Er sagte, dass uns sonst das gleiche passieren würde, wie unseren Großvätern. Eines Tages stellt dich deine Enkelin zur Rede.

Ich denke bei so ferner Zukunft darüber nach, ob ich dann auch so khakifarbene Sachen wie mein Opa anhaben werde und mir lange graue Haare aus den viel zu groß gewordenen Ohren wachsen. Dann jedenfalls stellt dich deine Enkelin zur Rede und fragt nach. Warum habt ihr damals nichts gemacht? Warum habt ihr den Überwachungsstaat zugelassen? Warum habt ihr das hingenommen? Warum habt ihr nicht erkannt, was da passiert ist? Warum haben nur so wenige etwas getan für ihre Freiheit? Warum hast Du mitgemacht, Opa?

Und ich denke sofort an mich selbst, wie ich meinem Opa in seinen Opaklamotten diese Fragen gestellt habe. Er hat damals mit den Schultern gezuckt. Er gab ausweichende Antworten. Er hat die Verantwortung auf andere geschoben. Er wollte nichts damit zu tun haben. Und manchmal wurde er auch böse.

Ich stimmte meinem Freund, der nun wirklich nichts mit Computern zu schaffen hat, zu. Er hatte Recht. Genau das könnte uns auch passieren. Aber dann kam mir ein Gedanke, den ich noch viel schlimmer fand.

Vielleicht kann meine Enkelin gar nicht mehr diese Frage zu stellen. Vielleicht traut sie sich nicht mehr. Vielleicht ist dieser Überwachungsstaat zu stark. Dass selbst das nicht mehr unbeobachtet geht. Vielleicht ist das dann schon die rote Linie der Selbstzensur. In 30 Jahren. In 40 Jahren. Dann, wenn mir lange graue Haare aus den Ohren wachsen. Und wir in einem Staat leben, in dem die Enkelin dem Opa nicht mehr die wichtigen und richtigen Fragen stellen kann.

Ich habe diesen Gedanken meinem Freund auf der Party nicht erzählt. Er war endlich wieder wütend, da muss man die Sache nicht komplizierter machen. Wir brauchen wütende Leute, die noch mehr Leute wütend machen. Leute, die weitererzählen, was sonst in 30, 40 Jahren die Enkelinnen fragen.

Und dann stehen da auf einmal wieder Infotische. Und wildfremde Leute reden in der Straßenbahn, wie sie ihre Freiheit schützen werden. Und am Abend ruft dann mein Vater an, dass er alle seine Freunde zusammengetrommelt habe und sie jetzt auch loslegen würden. Und dann irgendwann ziehen wir zusammen mit ganz viel bunten Leuten aufs Innenministerium, um Demokratie, Grundrechte und die Freiheit zu retten.

Es ist gar nicht so schwer. Wir müssen einfach nur jetzt beginnen.

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

17 Kommentare

  1. knorz says:

    ja, wir haben schon vor zich wochen begonnen…mach halt mit: http://demonstrare.de/demonstrare/27-07-stopwatchingus-deutschlandweite-proteste-gegen-prism-und-tempora

    #stopwatchingus – bundesweite demos am 27.07!

  2. Tom W. Wolf says:

    Ein toller Artikel, der mir aus der Seele spricht!

  3. k says:

    vielen dank fuer den artikel. das mit den enkeln ist ein tolles argument. wirklich. lg k

  4. florio says:

    Schöner Artikel!

    Ich mag ja diese Spaziergänge gerne – in Berlin könnte man ja einen schönen Spaziergang zur BND-Zentrale machen.
    http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/daniel-bangert-laedt-zum-dagger-complex-nach-griesheim-a-912041.html

  5. Ich erzähle es meiner frau seit 25 Jahren.Die anderen sagten mir die letzten 20 Jahre “du spinnst”!
    Muss man erst einen “Namen” haben ,das man gehört wird. ???

    Und nun eine weiter “These” die zu spät gehürt wird.
    Es gibt keine Demokratie mehr…. nur noch die Diktatur des Kapitalismus.Wir werden nicht mehr von Politikern regiert sondern von der “Wirtschaft”, die Politiker als Marionette in Talkshows stellt um sie als Sprachrohr der Pseudodemokratie zu etablieren,damit Ihr zunächst angestrebter und mithin erreichter Feudalstaat den Anstrich einer Legitimation von Demokratie erhält.Putin ist der einzige “Demokrat” auf diesem Planeten der klar und deutlich sagt “das ihm die Demokratie am Ar.. vorbei geht”.
    Wir lesen uns wohl nicht mehr in 5 Jahren,weil das hier alles zensiert wird.

  6. Lou Canova says:

    Die Ohren werden nicht größer, nur der Kopf wird kleiner.

    Aber ansonsten guter Text. Das mit dem Aufwachen ist einfach ein Problem – denn die Menschen finden das mit der Überwachung nicht geil, aber sie haben auch das Gefühl, dass es sie nicht betrifft. Eigentlich müsste ja agendasettingmäßig langsam die politische Ebene auf die Medienebene reagieren – tut sie aber nur, wenn die Wähleragenda drauf anspringt. Tut sie aber irgendwie nicht.

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