Foto: Space Hijackers

Die Space Hijackers lösen sich auf – ein Nachruf

Foto: Space Hijackers

Nach 15 Jahren und etwa 50 Aktionen verabschiedet sich die geniale Londoner Kommunikations- und Spaßguerillagruppe Space Hijackers in den Ruhestand.

Eine der spektakulärsten Aktionen der Space Hijackers findet zum G20-Gipfel 2009 in London statt. Mit einem gepanzerten Fahrzeug, liebevoll “the tank” genannt, rollt die Spaßguerilla-Truppe vor die Royal Bank of Scotland und bietet den Wachpolizisten Hilfe gegen die Anarchisten an. Alle elf Insaßen des falschen Panzers sind in blauer Riot-Polizei-Montur gekleidet, Helme inklusive. Auf dem alten Panzer prangt in weißen Lettern “Riot”. Die Aktion führt nicht nur zu Festnahmen, sondern auch zu handfesten Anklagen, die übrigens später allesamt wieder fallen gelassen werden. Als die Polizei den Panzer beschlagnahmt und mit dem ihr unbekannten Fahrzeug wegfahren möchte, weiß sie nicht, dass die Bremsen einige Minuten brauchen, bis sie funktionieren. So richtet die Polizei mit dem Panzer viel Schaden an parkenden Autos und Schaufenstern an. Zur Freude der schon festgenommenen Aktivisten. Aktivisten ist dabei ein Wort, das die Hijackers nicht benutzen, bei ihnen sind es “Agents”, die unter Tarnnamen operieren.

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Die Space Hijackers gründen sich im März 1999 mit einer Circle Line Party in der Londoner U-Bahn. Damit die Party nicht auffällt, wird in der Station die Musik ausgemacht, alle verhalten sich ruhig und dann wird bis zur nächsten Station weitergefeiert. Das Konzept der Circle Line Party kommt gut an, bei der dritten Auflage feiern 2000 Leute mit. Die Hijackers beenden das Projekt, weil es am eigenen Erfolg erstickt.

Ein anderes Mal fahren die Space Hijackers mit einem Panzer zu einer Waffenmesse und schmuggelten der BBC einen falschen Rüstungskonzern-Sprecher unter.

Zu den mehrfach wiederholten Klassikern gehört bei den Space Hijackers das Cricketspiel “Anarchists vs. Bankers”. Bei diesem Politik-Hack werden betrunkene Banker nachts im Londoner Bankenviertel zum Cricket-Spiel herausgefordert. Das führt natürlich dazu, dass irgendwann die Polizei kommt und das Spiel beenden will. Die betrunkenen Banker fallen dabei aus ihrer Rolle und wollen den temporär besetzten Raum gegen die Polizei verteidigen.

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Immer wieder attackieren die Space Hijacker die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raumens und die Überwachung desselben. Mit falschen Warnschildern oder Verbotstafeln, die sie auch in anderen Städten wie Madrid aufhängen, verwirren sie Passanten und regen zum Nachdenken an.

signZudem veranstalten die Hijackers sogenannte Trainingscamps, sie machen Aktionen zusammen mit Reverend Billy oder protestieren als “Official Protesters of the Olympic Games” im Jahr 2012 gegen die Olympiade. Dann gingen der vormals so aktiven Gruppe Ideen und Spaß verloren.

Eine der letzten größeren Aktionen war ein Treffen der Hijackers mit der Hedonistischen Internationale. Letztere ist seit mehreren Jahren so etwas wie eine inoffizielle Schwesterorganisation, auch wenn beide Spaßguerillatruppen sich bei ihrem Gipfeltreffen großspurig den Krieg erklären.

Mit der Auflösung der Space Hijackers verschwindet jetzt ein Stück britische Protestkultur. Aber die Space Hijackers wären nicht die Space Hijackers, wenn sie das nicht mit einer wilden, exzessiven Party feiern würden. Anders ist der Countdown auf der Webseite kaum zu deuten.

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

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