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Nicht mein Präsident: Gute Gründe gegen Gauck

Glücklicherweise wird die vorzeitige Wahl Gaucks zum Bundespräsidenten durch die Parteispitzen von Grün, Rot, Gelb und Schwarz nicht mehr ganz so unkritisch gefeiert wie seine Kandidatur bei der letzten Bundespräsidentenwahl. Wer jetzt jubelt, dem sollten folgende Zitate, Anmerkungen und Fakten von und über den nächsten Bundespräsidenten mit auf den Weg gegeben werden.

Sozialpolitisch ist Gauck, der mit (neo)liberalen Preisen überschüttet wurde, ein Vertreter der eisenharten Marktwirtschaft, wie der Spiegelfechter schön auseinandernimmt.

Gauck lobte Gerhard Schröder für seinen HartzIV-Mut, nannte Sozialproteste “töricht” und gibt quasi 1:1 Zitate der neoliberalen PR-Maschine Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wider:

„Wir stellen uns nicht gerne die Frage, ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen.“ (Quelle: Welt-Online vom 07.06.10).

Kritik an Banken und die Occupy-Proteste fand er “unsäglich albern”, in seinem Buch “Winter im Sommer – Frühling im Herbst” nannte er diejenigen, die den bundesdeutschen Sozialstaat für nicht sozial genug halten, “kleinmütig” und “anfällig für fürsorgliche Politik” (S.337 / siehe auch). Gauck ist ein Präsident, der seinen Antikommunismus auch auf klassische sozialdemokratische Positionen ausgeweitet hat, er will die SPD als Schröderianer in der Mitte sehen.

Gauck fühlt sich angetrieben vom „Schmerz über so viel geraubte Freiheit, soviel Demütigung und beständiger Ohnmacht“ (S. 329 seines Buches) in seinem Leben als Pastor in der DDR. Die Erfahrung mit einem repressiven Regime führt jedoch nicht dazu, autoritäre Tendenzen in der Bundesrepublik als solche zu erkennen. So sagte er über die Vorratsdatenspeicherung, nachdem er Hans-Christian Ströbele “Hysterie” vorwarf:

“Sie müssen wissen, dass etwa die Speicherung von Telekommunikationsdaten nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist.”

Wiederrum mit Informationsfreiheit, Transparenz und Whistleblowing hat es Gauck nicht so. Das seien gestohlene Daten: “Das kann ich nicht akzeptieren, dass das gefeiert wird, das ist ein elementarer Verlust von Recht.” Und überhaupt, Transparenz: Als er damals als Leiter der “Gauck-Behörde” eine parlamentarische Anfrage der PDS zur Beschäftigung von ehemaligen MfS-Mitarbeitern geben musste, beantwortete er diese falsch. Kritik an der Ausrichtung der Stasi-Unterlagenbehörde gab es natürlich auch: Die Unterlagenbehörde habe bewiesen, dass sie für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ungeeignet sei. Sie sei nicht als neutrale wissenschaftliche Einrichtung angelegt, sondern habe die politische Bestimmung, die DDR zu delegitimieren. Das unterschrieben damals Egon Bahr, Günther Grass und Friedrich Schorlemmer.

Dem Rassisten Sarrazin attestierte Gauck hingegen “Mut”, auch wenn er dessen biologistische Thesen ablehnte. Aus der SPD hätte er Sarrazin nicht ausgeschlossen, sagt er im selben Interview und Stolz, auch auf die Nation, hält er für ein natürliches Gefühl. Das muss nicht verwundern, denn Gauck hatte auch kein Problem damit, in der vom NS-Richter und CDU-Ministerpräsidneten Filbinger gegründeten neurechten Denkfabrik “Studienzentrum Weikersheim” als Referent zu sprechen. Da wundert dann seine krude Haltung zur Abtretung der deutschen Ostgebiete auch nicht mehr, die er im Nachwort des “Schwarzbuches des Kommunismus” ventilierte:

“Einheimischen wie Vertriebenen galt der Verlust der Heimat als grobes Unrecht, das die Kommunisten noch zementierten, als sie 1950 die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten.”

Im gleichen Nachwort setzt Gauck darüber hinaus grob den Kommunismus und Nationalsozialismus gleich. Eine “frivole Relativierung der NS-Verbrechen” nannte der Sozialdemokrat Jochen Zimmer, Herausgeber des “Gauck-Lesebuchs” (Eichborn-Verlag) dieses Geschichtsbild.

Gaucks Erfahrungen mit dem autoritären real existierenden Sozialismus haben ihn wohl auch bewegt, im Jahr 2008 die “Prager Erklärung” zu unterzeichnen. Die Prager Erklärung steht in der Kritik, den Nationalsozialismus und den Kommunismus gleichzusetzen und damit die NS-Verbrechen zu relativieren.

Wenn also am 18. März der “Bundespräsident der Nationalen Einheit” mit überwältigender Mehrheit gewählt wird, dann wird es einer sein, der vom Sozialstaat nicht viel hält, der in warmen Worten die Eigenverantwortung des Einzelnen in den Vordergrund stellt, Kritik am Kapitalismus für albern hält, HartzIV und Afghanistan-Krieg gutheißt, die Vorratsdatenspeicherung befürwortet, den Verlust der Ostgebiete wie Erika Steinbach sieht – und darüber hinaus Kommunismus und Nationalsozialismus gleichsetzt in gefährliche Nähe setzt.

Das ist nicht mein Präsident.

Foto: Sebastian Hillig unter CC-BY-NC

Update:
Zu Gaucks Haltung der Vorratsdatenspeicherung und den Vorwürfen, hier werde alles aus dem Kontext gerissen: Wer sich dieses Video anschaut, wird merken, dass Gauck zwar eine Verhältnismäßigkeit fordert, aber generell einen Einsatz der Vorratsdatenspeicherung nicht ablehnt. Dies darf man getrost Befürwortung der Vorratsdatenspeicherung nennen, auch wenn Gauck hier abwägt und durchaus kritische Anmerkungen macht.

Interessant finde ich auch, dass weder Patrick Breitenbach noch der Cicero auf die anderen Vorwürfe, wie die Zitate zur Ostgrenze oder der Kritik an seinem Totalitarismus-Ansatz machen, der eben kommunistische Regime und den Nationalsozialismus in eine nicht haltbare Nähe setzt – und dadurch den Holocaust relativiert. Genausowenig werden irgendwo die neoliberalen Aussagen Gaucks als kontextlos dargestellt, denn Gauck ist eben ein Neoliberaler. Und das lässt sich eben nicht entkräften.

Was mich in meiner Haltung gegenüber Gauck bestärkt, ist der Beifall, den er von rechtskonservativer und nationalliberaler Seite bekommt. Das befremdet sehr und sollte auch Sozialdemokraten, Grüne und Linksliberale nachdenken lassen.

Faustregel der Massenmedien?

Falk Lüke hat eine Replik mit vielen Fragezeichen beim konservativen Cicero veröffentlicht, um das Netz gegen den Vorwurf der Gosse zu verteidigen. Dabei stellt Lüke zwar treffend fest, dass das Netz erst einmal neutral sei und eben auch Spinner und Freaks sich dort neben Klugen und Nachdenklichen tummeln würden.

Doch dann kommt Lüke zu dieser eklatanten Fehleinschätzung:

Was wir nicht auf der Titelseite einer Tageszeitung sehen oder lesen, im Fernsehen schauen oder im Radio hören wollten, das gehört nicht allgemein zugänglich ins Netz.

Nein, gerade diese Forderung wirft die Demokratisierung der Öffentlichkeit um Lichtjahre zurück. Die Möglichkeit eines Netzes, in der jeder und jede erst einmal alles veröffentlichen können, ist die große Veränderung der letzten Jahre. Der große Umbruch ist die Entstehung einer fünften Gewalt, die eben nicht an ökonomischen Zwängen und politischen Grenzen klassischer Medien halt macht. Sie ist die Chance, das Framing von Massenmedien zu durchbrechen. Sie ist die Möglichkeit für alle, Mindermeinungen auch “ohne Druckerpresse und Produktionsmittel” verfügbar zu machen. Die Spinner, Freaks und Verschwörungstheoretiker mögen daran scheitern, was Lüke die “Verantwortung der User” nennt. Oder einfach am Desinteresse der Menschen, die den Inhalt eben nicht liken, verbloggen oder weiterleiten.

Wer aber das Netz und seine Inhalte faustregelhaft beschränken will auf das, was wir in Massenmedien hören, sehen, lesen wollten, der macht das Netz zum banalen Kanal in den Leitplanken dessen, was uns Zeitungen, Radio und Fernsehen eh schon vorgeben.

Diese Haltung verkennt, dass das Netz der Platz ist, eine noch nie dagewesene Meinungs- und Pressevielfalt, immer und überall abrufbar, zu leben. Eine solche Haltung vergisst, dass im Netz Platz ist für Themen, die es eben nicht in die Schlagzeilen schaffen. Und dass die Teil-Öffentlichkeiten, die Blogs, Podcasts, whatever mit ihren Nischenthemen bespielen, die Pluralität von dem, was wir als Medien kannten, enorm bereichert haben.

Der Ruf nach einer Beschränkung nach der Faustregel der Massenmedien ist der Ruf nach Konformität und Stillstand.

Thüringen, Sachsen, Staatstrojaner: Die wirklich wichtigen Rücktritte bleiben aus

Ok, jetzt haben wir haben uns alle zusammen mit dem Axel-Springer-Verlag schön auf Wulff eingeschossen. Und wenn die Guttenbergsche Formel zählt (“Samstag Schuhdemo, Mittwoch Rücktritt”), dann sind wir den Mann bald los. Was für ein Aufriss für diesen schmierigen kleinen neureichen Streber in Bellevue, der mit Krediten mauschelt und Medienberichterstattung beeinflussen will. Mag sein, dass man diesen Typen weghaben will, wenn man an “Würde des Amtes” und eine Politik ehrbarer moralischer Männer glaubt. Wenn man glaubt, dass ein Präsident in unserem System wirklich wichtig wäre.

Hand aufs Herz. Dieser Wulff-Skandal ist doch eher aus der Kategorie “Geschmäckle”, wenn wir uns die folgenden drei Skandale anschauen, die allesamt folgenlos geblieben sind:

Wo ist eigentlich der Rücktritt von Hans-Peter Friedrich? In Behörden, die seinem Ministerium unterstellt sind, wurde entgegen der Verfassung und mit krimineller Energie der Staatstrojaner eingesetzt. Hier wurden bewusst die Grundrechte der Menschen mit Füßen getreten – und nichts ist passiert, niemand hat Konsequenzen gezogen, niemand hat hier irgendeine Schuld eingestanden. Im Gegenteil bemühten sich alle Landesregierungen (schwarz-gelb-grün-rot) die Sache runterzuspielen und den Einsatz von Staatstrojanern als lebenswichtig darzustellen. Nichts ist passiert.

Wo bleibt eigentlich der Rücktritt von Jörg Geibert, dem Innenminister Thüringens? Wo ist eigentlich der Rücktritt von Thomas Sippel, dem Chef des Thüringer Verfassungsschutzes? Immerhin wurden hier Nazis vom Thüringer Heimatschutz jahrelang über die V-Mann-Methode finanziert. Und nach Medienberichten wusste der Verfassungsschutz seit 2001 über die Existenz der braunen Terrorzelle. Dazu kommen zahlreiche Ungereimtheiten, die auf eine Involvierung des Staates schließen lassen. Was ist eigentlich hier passiert? Nichts ist passiert – außer einen neuen fragwürdigen Datenbank, die das Trennungsgebot von Geheimdiensten und Polizei aushebelt.

Wo bleibt eigentlich der Rücktritt von Markus Ulbig, dem Innenminister von Sachsen? In Sachsen werden seit 2009 Funkzellenauswertungen vorgenommen und die Handydaten hunderttausender Menschen widerrechtlich durchforstet und gespeichert. Anstatt die Zivilgesellschaft zu stärken, werden Nazis hofiert und linke Strukturen ausgehorcht, ausgespäht und und mit juristischen Verfahren überzogen. Alles in allem eine Praxis, die einem demokratischen Rechtsstaat unwürdig ist. Einen detaillierten Überblick über die Situation in Sachsen bietet dieser Vortrag von Anne Roth auf dem 28c3. Niemand hat je eine politische oder personelle Konsequenz gezogen. Nichts ist passiert.

Wir reden also über Wulffs Kredite, Anrufbeantworterpöbeleien und, hinter vorgehaltener Hand, das Vorleben der First Lady. Wir wundern uns wenig, warum die Bild-Zeitung, hier so eine Energie reinsteckt und diese wunderschön orchestrierte Kampagne fährt. Gleichzeitig aber haben wir einen Finanzminister, der von der Waffenlobby 100.000 Euro in einem Koffer angenommen hat. Und zu guter Letzt wird der Baron der Betrüger und Plagiatoren, Karl-Theodor zu Guttenberg, mit jedem Tag wieder hoffähiger, bereitet sein Comeback vor. Mit Hilfe der “Zeit” und bald auch wieder der Bild-Zeitung, wie man noch sehen wird.

So ein kleiner unbedeutender Bellevue-Skandal passt eben gut. Da können wir uns über die politische Kultur echauffieren, über mangelnden Stil schreiben und uns freuen, dass die Euro-Krise für ein paar Wochen von den Titelseiten verschwunden ist. Andere Skandale, wie die oben beschriebenen, die wirklich ans Mark der Demokratie gehen, die Konsequenzen nach sich ziehen müssten, die uns erschrecken sollten, versanden im Geplänkel um spießige Reihenhäuschen und kleinkariert erworbene Billigkredite.

Die wirklich wichtigen Rücktritte bleiben aus.

Auch das noch: NPD stellt nationaldigitale Denkfabrik vor

Die NPD liegt voll im Trend und hat das Thema Netzpolitik für sich entdeckt. Der bislang kaum in Erscheinung getretene “Arbeitskreis Weltnetz” der rechtsextremen Partei hat heute eine eigene digitale Denkfabrik mit dem Namen “Weltnetz 88″ gegründet. “Wir wollen der Volksgemeinschaft ihr Weltnetz zurückgeben, Rückhalt bieten in dieser epochalen Umbruchsphase und das deutsche Volk im Weltnetz stärken” so eines der Gründungsmitglieder. Man habe diese nationaldigitale Offensive gestartet, um zu zeigen, dass die NPD auch in diesem Themenfeld wichtige Impulse geben kann. Das Weltnetz sei nun in der Wirklichkeit des Volkes angekommen, zigtausende Kameraden nutzten schon heute die neuen Möglichkeiten – hierbei wolle man Boden gewinnen und das Netz im Sturm erobern, so das Gründungsmitglied weiter.

Zu den Programmpunkten von W88 zählen der Kampf gegen die Überfremdung des Weltnetzes, der völkische Datenschutz, die digitale Todesstrafe für Kinderschänder, ein öffentlich zugängliches Zentralregister für Ausländer, die Schaffung digitaler Gedenkstätten, die Ausgliederung von Ausländern aus sozialen Netzwerken und das Verbot von Internetkriminalität.

In der Pressemitteilung des neuen Vereins heißt es:

W88 hat sich zum Ziel gesetzt, die Digitalisierung und den Erfolg des Weltnetzes aktiv, kämpferisch und national mitzugestalten. W88 versteht sich als nationaldigitale Denkfabrik, die über das reine Nachdenken hinaus mit Vehemenz politische Veränderungen erreichen will. Die inhaltliche Ausrichtung von W88 orientiert sich an den Grundwerten Arbeit, Volk, Familie, die es vor dem Hintergrund der Digitalisierung neu zu erwecken gilt.

Zum Erreichen dieser Ziele soll eine Vielzahl von Formaten entwickelt werden, die sowohl Reallebensaktivitäten wie Auf- und Gedenkmärsche, E-Buchprojekte, Informationsveranstaltungen wie auch das Betreiben von digitalnationalen Netztagebüchern, Weltnetzseiten und anderen Mobilisierungswerkzeugen umfassen. Hierbei soll für die nationale Sache eine vollkommen neue Basis geschaffen werden.

Urheberrechtslobby weint sich bei Grünen aus

Die Urheberrechtslobby (Arbeitsgemeinschaft Kino, BDWi, HDF Kino, iVD) – auch bekannt durch die Schmutzkampagne “Raubkopierer sind Verbrecher” – hat einen Brief an grüne Delegierte und Bundestagsabgeordnete geschrieben, in der sie bitterlich weint und Stimmung gegen den netzpolitischen Leitantrag der Partei macht. Schon im Vorfeld hatte die Urheberrechtsfraktion innerhalb der Grünen versucht, den Antrag stark zu verwässern.

So schreiben die Verbände in ihrem Papier (PDF) über das Internet:

Das Problem, dass sich Kriminelle der Technologie massiv zu Lasten der Bürger bedienen (Spam, Abzockerseiten, Phishing o.a.) wird komplett übersehen.

Weiter wird geheult, dass angeblich eine Löschung von Kinderpornografie nur noch möglich sei, wenn Richter dies anordnen würden. Dazu schreibt sectio-aurea.org treffend, dass Kinderpornografie ja jetzt schon durch die AGBs der Provider und Hoster untersagt ist und folglich auch kein Richterbeschluss nötig ist um diesen Kram aus dem Netz zu kriegen. Klarer Fall von Panikmache.

Das ist den Lobbyisten natürlich egal, denn erstmal macht man das Kinderpornofass auf, um die grünen Delegierten so richtig nett emotional an die Hand zu nehmen und den ganzen anderen Themen einen widerlich-kriminellen Anstrich zu geben.

Eine Entkriminalisierung von Urheberrechtsverstößen lehnen die Lobbyisten selbstredend ab. Denn zu “Raubkopierern” haben genau jene Lobbyisten den Otto-Normal-User ja in ihren “Raubkopierer sind Verbrecher”-Kampagnen selbst deklariert und dies auch gesetzlich in einer Urheberrechtsreform durchgesetzt. Wehe dem, der fordert, ein solches Gesetz zu entschärfen oder gar zurückzunehmen. Und dass die Vorratsdatenspeicherung wieder kommen muss, ist ja auch ganz klar, wenn es nach diesen Lobbyverbänden geht.

Da wundert es nicht, wenn die Lobbyisten auch fordern, dass eine Exportbeschränkung von Überwachungstechnologie nicht wünschenswert sei:

Jegliche Technologie, die zur Überwachung oder Sperrung missbraucht werden könnte, darf nicht mehr exportiert werden (134 ff.). In Anbetracht der Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft dürfte dies einem Produktionsverbot gleichkommen.

Wo kommen wir denn auch hin, wenn Syrien, Bahrein und Iran nicht mehr ordentlich ihre Dissidenten überwachen und verfolgen könnten! Interessant dabei auch, dass es ebenjener Interessensverband des Video- und Medienfachhandels war, der sich beim Jugendmedienschutzstaatsvertrag für Netzsperren stark gemacht hat, damit Porno eben in der Videothek ausgeliehen und nicht im Netz angeschaut wird. Gell.

Und zu guter Letzt kommt noch eine dreiste Lüge der Lobbyisten:

Dem Gedanken der Netzneutralität folgend will man dass illegale Inhalte faktisch die gleichen Rechte auf Durchleitung erhalten wie legale Inhalte (148 ff.). Danach dürfte auch eine Spamfilterung verboten sein. Dies bedeutet in Zukunft das 25fache an eingehenden E-Mails.

Was die Lobbyisten rein zufällig übersehen haben: momentan haben wir Netzneutralität (bis auf den Mobilfunk) und das mit dem Spam scheint ja einigermaßen unter Kontrolle zu sein. Ich jedenfalls habe kein 25-fach höheres Spamaufkommen gerade. Und außerdem wird Spam beim Maildienstleister gefiltert – und zwar, wenn ich das möchte und nicht qua Aufhebung der Netzneutralität. Auch das Spam-”Argument” kann man getrost unter dem Punkt Panikmache abhaken.

Aufgrund dieser Punkte verurteilt die Urheberrechtslobby den netzpolitischen Leitantrag als “destruktiv”. Außerdem sei der Antrag “Brot und Unterhaltung” für ein beim Wähler gut ankommendes Wahlprogramm. Was letztlich schon wieder lustig ist, denn wenn das bei den Wählern ankommt, dann scheint es ja irgendwie im Interesse der Wähler zu sein. Und ist das nicht irgendwie Ziel von Politik?

Update 24.11.11: Die Grünen haben die Lobbyverbänden mittlerweile geantwortet.

Foto: CC-BY-NC-SA spunkinator

Wieviel Netzpolitik steckt wirklich in den Grünen?

Momentan bekommen die Piraten aus der Netzbewegung ordentlich Feuer unter dem Hintern gemacht. Das mag sie zwar nerven, ist aber richtig. Es ist richtig, weil die Piraten so angetrieben werden, ihre netzpolitischen Forderungen lauter und klarer zu formulieren. Es ist wichtig, weil pointierte und progressive Forderungen der Piraten, die Grünen netzpolitisch gehörig unter Druck setzen können.

Das ist bitter nötig. Denn grüne Netzpolitiker haben es momentan nicht leicht: ihr Netzpolitischer Leitantrag für den Grünen Parteitag 2011 steht unter Beschuss und soll massiv aufgeweicht werden. Besonders die Urheberrechtslobby innerhalb der Partei stellt sich mit Änderungsanträgen aktiv gegen eine zeitgemäße Netzpolitik.

Ein paar Beispiele:
Eine wirkliche Neuerung im Leitantrag “Offenheit, Freiheit, Teilhabe – die Chancen des Internets nutzen” ist z.B. der Vorschlag, die urheberrechtliche Schutzfrist auf fünf Jahre zu senken – mit der anschließenden gebührenpflichtigen Option auf eine Verlängerung:

„Eine deutliche Verkürzung bzw. Flexibilisierung der Schutzfristen z.B. auf fünf Jahre muss mit der Möglichkeit der Neuverhandlung einhergehen. Das bedeutet: Eine fünfjährige Schutzfrist ab Veröffentlichung mit anschließender, gebührenpflichtiger mehrmaliger Verlängerungsoption.“

Dies würde viele Werke nach einer bestimmten Zeit für die Allgemeinheit befreien und das Verwaisen von Werken verhindern. Momentan sind Werke bis zu wahnwitzigen 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers geschützt.

Doch der Passus mit der Schutzfristverkürzung ist nun unter Beschuss und soll laut eines Änderungsantrages, den auch der selbsterklärte Netzpolitiker Volker Beck unterschrieben hat, komplett gestrichen werden.

Andere gute Vorschläge in diesem Antrag wie

„und die Möglichkeit der Wiederveräußerbarkeit von Immaterialgütern, die wir verbraucherrechtlich verankern wollen.“

sollen laut Änderungsantrag der Urheberrechtsfraktion der Grünen auch ersatzlos gestrichen werden. Dabei ist diese Forderung sogar von der Enquete-Kommission beschlossen worden.

Auch interessant ist der Änderungsantrag von Helga Trüpel zur Kulturflatrate. Trüpel, die man getrost zu den Urheberrechtshardlinern bei den Grünen zählen kann, schlägt vor, dass im Rahmen der Kulturflatrate das Tauschen über P2P auf einen Personenkreis von 50 Leuten beschränkt und auf maximale Downloadmengen begrenzt werden solle. Dieser technisch unrealistische Antrag beabsichtigt, die Idee einer Kulturflatrate neu zu definieren und damit das Potenzial dieses Konzepts kaputtzumachen, vermuten grüne Netzpolitiker hinter vorgehaltener Hand.

Und noch weitere Änderungsanträge torpedieren den netzpolitisch gut durchdachten Leitantrag. So will Tabea Rößner die Teilüberschrift des Antrages “Keine Internetsperren” durch die Wischi-Waschi-Formulierung „Teilhabe und Rechtsstaatlichkeit im Internet sicherstellen“ ersetzen.

Und Helga Trüpel, Jerzy Montag sowie Tabea Rößner wollen partout nicht, dass im Netz eine wachsende Sammlung von Gemeingütern entsteht. Die Passage

“Die Digitalisierung bringt einen enormen Freiheitsgewinn mit sich, da Informationen, Wissen und kulturelle Güter einfacher zugänglicher sind, neue Möglichkeiten der Teilhabe an Wissen und Kultur durch eine wachsende Sammlung von Gemeingütern entstehen.”

wollen sie durch die wachsweiche Formulierung

“Die Digitalisierung bringt einen enormen Freiheitsgewinn mit sich, da Informationen, Wissen und kulturelle Güter einfacher zugänglich sind. Neue Möglichkeiten der Teilhabe an Wissen und Kultur entstehen durch einen wachsenden Bestand an digitalen Inhalten.”

ersetzen. Denn sonst könnte ja suggeriert werden, dass alle Immaterialgüter im Netz Gemeingüter seien oder werden könnten.

Ein weiterer Änderungsantrag von Helga Trüpel, Jerzy Montag und der medienpolitischen Sprecherin Tabea Rößner will die Stärkung der UrheberInnen und Künstler gegenüber Verwertern streichen, und stattdessen die Rechte von “Vermittlern” und “Produzenten” in diesen Passus des Leitantrages einbringen. Wer diese “Vermittler” genau sein sollen, bleibt in diesem Änderungsantrag im Unklaren, es könnten auch ebenjene sein, die ein Leistungsschutzrecht fordern.

An allen Enden und Ecken wird also ein guter Leitantrag, der die Grünen in die Lage versetzen würde, netzpolitisch mit den Piraten mithalten zu können, verwässert und in Richtung Urheberrechtsschutz gedreht. Ein modernes, der digitalen Gesellschaft angepasstes Urheberrecht ist damit natürlich nicht zu machen. Wirklich grüne verbraucher- und bürgerorientierte Netzpolitik auch nicht.

Was uns zurück zu den Piraten führt: Die Piraten sind momentan strategisch in der Lage, andere Parteien – und insbesondere die Grünen – vor sich her zu treiben. Das ist eine wunderbar komfortable Situation angesichts der Tatsache, dass die Piraten bislang nur in einem Landesparlament vertreten sind. Diese Chance jetzt zu nutzen, kann den digitalen Grundrechten und der Freiheit im Netz nur gut tun. Es wäre schade, sie zu vertun.

Dieses Symbolbild konnte ich mir nicht verkneifen. Foto: CC-BY-NC-SA aperture7.1

Tödlich brisant morgens erzürnt


Mir geht es ja so, dass ich mich morgens immer am Meisten aufrege. Das Radio läuft, es kommen Nachrichten, ich schaue mit dem Kaffee in der Hand bei Twitter vorbei und klicke mich durch Onlinezeitungen. Und fast jeden Morgen überkommt mich der Zorn. Seien es brutale Polizisten aus den USA, die sich per Twitter auf den Frühstückstisch einschleichen, irgendeine weitere bodenlose Ungerechtigkeit, die irgendwo im Netz geschildert wird, die plötzlich auftauchende Stimme von Frau von der Leyen im Radio. Irgendwelche Politiker-Statements, die so austauschbar sind, dass ich sie beim nächsten Schluck Orangensaft schon wieder vergessen habe. Irgendjemand nimmt die Sorgen der Bürger Ernst, in Maribor wollen sie jetzt lokales Gemüse anbauen, in Syrien ist eine Journalistin verschwunden, ein abgehalfterter Wirtschaftslobbyist gibt die neuesten Wasserstandsmeldungen in Sachen Gefährlichkeit des Mindeslohns. So weit. So Alltag.

Doch am allerschlimmsten morgens ist Spiegel Online. Es sind nicht die Inhalte der Nachrichten, die meine morgendliche Abscheu erwecken, sondern die Art und Weise, wie Nachrichten aufbereitet werden. Der Marktführer, der mit skandalheischendem Idiotenjournalismus, dem halbgebildeten Akademiker das wohlige Gefühl geben will, man informiere sich. Nicht, dass die Printversion deutlich besser wäre. In Sachen wirtschaftsgläubig-reaktionärem Weltbild schenken sich die beiden Publikationen nicht viel. In beiden Erzeugnissen pointiert man die Artikel mit dem gut erlernten Handwerk, Teile der Fakten zu unterschlagen und andere polarisierend aufzubohren. In beiden gibt es Informationskultur zum Abgewöhnen. Reichlich.

Während also morgens und online der abgeschmackte schwarzgekleidete Rechtaußenprovokateur mit der Monokel-Brille sein tausendfach aufgewärmtes Linken-Trauma auftischt, wird an anderer Stelle eine demokratische Volksabstimmung in Griechenland zum Störmanöver deklariert. Tödlich brisant peitscht Netanjahu den bitteren Scherbenhaufen in die flüchtige Bruchlandung. Draufhauen statt Dialog, roh und direkt. Ein Power-Test für das Herz. Wir zittern schon in chaotischer Angst vor dem nächsten Skandal, der uns nur zwei Artikel entfernt eiskalt und massiv erwischen wird. Ein Ah und Oh für die Kuschelmuschel, möchte man schreien, und wird schon im nächsten Augenblick von trinkfreudigen Ärzten im Pixelkrieg erschlagen.

Wer bei Spiegel Online die Headlines schreibt, muss aus einem klickstatistisch zertifizierten Fundus von 50 Adjektiven wählen, damit nicht die Meldung “Pflichtwort vergessen” beim Veröffentlichen auf dem Bildschirm erscheint. Was bleibt, ist das schale Gefühl, dass alles extrem wichtig ist und doch nichts so wichtig, wie die nächste Klickstrecke mit Heidi Klums Halloweenkostüm.

Ihr mögt jetzt altklug sagen: “Hey Mikael, komm mal runter. SpOn-Bashing ist ja sowas von Eighties. Und darüber schreibst Du einen Artikel?” Mag ja sein, dass ihr da schon viel weiter seid. Ihr, die ihr dem nächsten Trend schon vier Tweets voraus seid. Mir ist das egal, denn ich bin verdammt froh. Verdammt froh, dass mich diese feist-selbstgerechte, widerwärtige Online-Publikation mit ihren roten Lettern jetzt endlich soweit hat, dass ich da freiwillig nicht mehr drauf gehe.

Das hat den Vorteil, dass ich mich wieder über die Inhalte der Nachrichten aufregen kann – und nicht über ihre Dareichungsform. Damit ist viel gewonnen.

Spiegel Online Symbolbild: CC-BY-SA mugley

Webseite nimmt Berliner Grüne auf die Schippe

Eine gut gemachte Fake-Webseite eines “Thinktanks der Berliner Grünen, der sich seit 2009 dafür einsetzt Fortschritt, Wachstum und Soziales im ökologischen Einklang Hand in Hand gehen zu lassen” nimmt die grünen Koalitionsverhandlungen mit beißender Satire aufs Korn. Unter buendnis100.de wird laut getrommelt und versprochen, dass die Autobahn 100 auf jeden Fall gebaut würde. So heißt es auf der Webseite man habe “grüne Kernziele mehrspurig durchgesetzt. Die A100 kommt.”
Auf Bannern, die den grünen Berliner Wahlkampf aufgreifen, heißt es unter anderem “Eine Stadt für Flotte und Flitzer” oder “Wer A sagt, muss auch 100 sagen”. Auch schön ein weiteres Banner: “Jetzt Spur wechseln: Autoeinstieg selber machen!”.

Die Berliner Grünen beraten am Freitag auf einem Parteitag über den Koalitionsvertrag. Die Zustimmung zur A100, die im Wahlkampf noch vehement abgelehnt wurde, gilt als wahrscheinlich.

Schönheitsfehler im grünen Wahlkampf

Die Berliner Grünen lassen sich von den Agenturen “nest” und “newthinking communications” den Onlinewahlkampf machen, wobei erstere den kreativen und letztere den technischen Part übernimmt. Vor ein paar Tagen wurde dann ein Mitmach-Tool gestartet, bei dem Bürger konkrete Anliegen auf einer Karte eintragen könnten – und die Grünen kümmern sich dann drum. Das Ding ist übrigens ziemlich cool geworden und greift die Wahlplakate grafisch auf. Also eine schöne Idee, die Bürgernähe und Tatendrang suggeriert.

Jetzt aber kommt der Schönheitsfehler. Ein Eintrag auf der Plattform stammt von Andreas Gebhard, seines Zeichens Geschäftsführer von newthinking. Auf Grundlage dieses Eintrages, es ging um eine für Radfahrer gefährliche Kreuzung direkt vor Gebhards Büro, wurde dann ein Ortstermin mit Spitzenkandidatin Renate Künast, ein paar Lokalpolitikern und eben Gebhard selbst gemacht. Mit an Bord: Fotografen und Fernsehen.

Blöd gelaufen, wenn man den Bürgern nicht zutraut etwas gutes zum Pressetermin beizutragen und dann auf die eigene Agentur zurückgreift. Dass das ganze schön ausgeschlachtet wird von Mitgliedern der Linkspartei und der SPD, ist auch klar. Ob das jetzt gleich Astroturfing ist, weiß ich nicht genau. Immerhin treten die Akteure unter ihrem echten Namen auf. Der SPD-Mann Lumma vermischt das ja dann eh gleich in dem ihm eigenen frustriert-beleidigten Leberwurststil mit ganz vielen anderen Themen.

Aber: Es schadet aber eben der Transparenz und Glaubwürdigkeit, wenn man zu solchen Mitteln greift. Und es ist einfach ungeschickt. Es riecht nach Simulation, auch wenn diese Ecke an der Torstraße wirklich scheissegefährlich für Radfahrer ist. Da hilft auch die nachgeschobene Erklärung Gebhards nicht viel weiter. Vermutlich war es die einfachste und am schnellsten umzusetzende Lösung, um einen unkomplizierten Pressetermin zu machen. Das ist in diesem Fall nach hinten losgegangen.

Es ist aber auch klar, dass alle Parteien genau diesen vermeintlich sicheren Weg wählen, wenn es um frisierte Kommentare auf Webseiten und Blogs, um öffentliche Fragerunden, die Besetzung des Publikums bei Podiumsdiskussionen, Pressetermine und ähnliches geht. Da schenken die sich nichts. Wie man in einer Online-Sprechstunde auffällig bescheisst, hat ja gerade die CDU gezeigt.

Euer Lavieren kotzt mich an!

Seit Tagen lavieren Westerwelle, Merkel, Obama und alle anderen Politiker der westlichen Welt herum. Ich kann diese Sprüche nicht mehr hören. Von großer Sorge ist da die Rede, von Beten für die Menschen und besseren Tagen, die da kommen sollen (Obama) und dem immer wiederholten Aufruf, dass beide Seiten auf Gewalt verzichten sollen. Orderly Transition, Deep Concerns und die ganze Leier. Leeres Geschwätz, das in letzter Konsequenz dem ägyptischen Regime den Rücken stärkt.

Aber was will man erwarten von Staaten, die seit Jahrzehnten Hand in Hand mit Diktaturen gehen? Was will ich von einer Merkel erwarten, die noch im März letzten Jahres sagte, dass sie sich “ganz außerordentlich freut, dass der ägyptische Staatspräsident Mubarak bei uns zu Gast ist” (Video)?

Es kotzt mich an.

Im Blickwinkel großer Teile der westlichen Welt werden Araber als dunkelhäutige Machos gesehen, die ihre Frauen prügeln und die Scharia einführen wollen. Als ungebildete wilde Massen, die nur darauf warten uns in Chaos und Terror zu stürzen. Ein Scheissbild ist das. Und die letzten Monate haben mit den Aufständen in Tunesien und Ägypten gezeigt, dass dort eine Mehrheit für Freiheit und Würde demonstriert und ganz ohne die scheinheilige Hilfe der westlichen Welt ihre Despoten loswerden will.

Was muss eigentlich noch passieren?

Bis jetzt gibt es alleine in Ägypten mehr als 150 Tote und mehrere tausend Verletzte. Das ägyptische Regime hat die größte Abschaltung des Internets vorgenommen, die dieses Medium jemals erlebt hat. Mobilfunkprovider wie Vodafone schalten ihre Netze ab, verschicken Regimetreue SMS an ihre Kunden. Das Regime lässt bewaffnete Schläger Chaos anrichten, damit sich der Präsident als Stabilitätsfaktor präsentieren kann. Provokateure werden in friedliche Demonstrationen geschleust um Gewalt anzustacheln. Schergen des Regimes werfen Molotovcocktails und feuern mit scharfer Munition auf Menschen, die einen Platz besetzen. Führende Aktivisten der Jugendbewegung und Blogger wurden heute festgenommen. Eine Gebäude von Menschenrechtsorganisationen gestürmt und Vertreter von Amnesty International mitgenommen. Es wird systematisch Jagd auf Journalisten gemacht: Dutzende wurden geschlagen, festgenommen und vertrieben. Systematisch wurde die Technik der Presse zerstört. Eine Liste mit all diesen Übergriffen gibt es bei ABC.
Was muss eigentlich noch passieren, bis endlich ein Politiker deutliche Worte findet? Was muss eigentlich passieren, bis endlich jemand auf die Idee kommt, der ägyptischen Armee ins Ohr zu flüstern, dass ihre milliardenschwere Militärhilfe auf dem Spiel steht? Was muss passieren, bis sich jemand auf die Seite der Demokratiebewegung stellt?

Der Aufstand sollte als Chance gesehen werden

Ich kann die Sorge Israels nachvollziehen, wenn mit Mubarak der wichtigste arabische Verbündete wegbricht. Das ist in der Tat ein Problem. Und natürlich kann man sich die islamistische Muslimbruderschaft schwer als Partner Israels vorstellen.
Aber es ist auch ein Problem seine Sicherheitsdoktrin auf der Partnerschaft mit autoritären Staaten aufzubauen. Deswegen bietet der Aufstand auch eine Chance mit pluraler-verfassten und demokratischeren Ländern Kooperationen einzugehen. Wir haben bewegende Bilder gesehen von Christen, die Muslime beim Beten schützen. Abgesehen, dass ich Religion nicht leiden kann, sind das Zeichen für Toleranz. Wir haben zwei Millionen Menschen friedlich demonstrieren sehen. Die Bilder haben Hoffnung geweckt – und die Sicht vieler Menschen auf die arabischen Länder verändert.

Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt in Ägypten weitergeht. Ich habe immer noch Hoffnung, dass diese Revolution irgendwie erfolgreich über die Bühne geht. Aber vielmehr habe ich Angst, dass diese mutigen jungen Menschen jetzt vom Regime fertig gemacht werden. Alle Anzeichen stehen darauf. Niemand wird sagen können, dass man es nicht hätte merken können. Und mitschuldig sind alle, die nichts dagegen getan haben. Vor allem diese abgeklärten Politikerfressen!

Foto: CC-BY Monasosh