Der feuchte Traum der Zierkes, Bosbachs und Friedrichs! In der EU gibt es Bestrebungen ein Schengen-Internet, also die “Great Firewall of Europe” zu errichten. Das geht aus einer geleakten Präsentation, die EDRi heute veröffentlicht hat, hervor. Hier gibt es einen Artikel von EDRi, und da die Übersetzung auf Netzpolitik.
Tag Archiv für 'EU'
Der AK Vorrat hat heute in einer Pressemitteilung ein europaweites Verbot der Vorratsdatenspeicherung gefordert:
Die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung, welche die verdachtslose Aufzeichnung von Verbindungs-, Standort- und Internetzugangsdaten aller 500 Mio. Europäer vorsieht, ist die tiefgreifendste und unbeliebteste Überwachungsmaßnahme in der Geschichte der EU.
Die EU solle ihr Vorratsdaten-Experiment daher sofort abbrechen und den völlig unverhältnismäßigen Zwang zur Totalspeicherung aller Verbindungsdaten von 500 Mio. Europäern durch ein Verfahren zur gezielten Aufbewahrung der Daten Verdächtiger ersetzen, so der AK Vorrat weiter.
In Anbetracht des unzulänglichen Kommissionsberichts veröffentlichen wir heute eine eigene Bilanz der EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung (PDF). Daraus geht hervor, dass eine ungezielte und flächendeckende Vorratsdatenspeicherung von Kontakten, Bewegungen und Internetkennungen schädliche Auswirkungen auf vielfältige Bereiche der Gesellschaft hat (z.B. Kontakte zu Beratungsstellen, Ärzten, Rechtsanwälten, Betriebsräten, Psychologen und Journalisten) und Datenpannen und -missbrauch begünstigt. Die Ziele der Beseitigung von Wettbewerbsverzerrungen und Verfolgung von Straftaten lassen sich auch ohne flächendeckende Speicherung aller Verbindungdaten erreichen. Eine anlasslose Speicherung aller Standortdaten und Verbindungsdaten ist ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Grundrechte aller Bürger auf Achtung ihrer Privatsphäre, der Vertraulichkeit ihrer Telekommunikation und auf freie Meinungsäußerung. Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung haben gerichtlicher Überprüfung bereits mehrfach nicht standgehalten. Voraussichtlich im Jahr 2012 wird auch der Europäische Gerichtshof die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung wegen Verletzung der EU-Grundrechtecharta aufheben.
In Frankreich ist ein neues Internetgesetz beschlossen worden, dass in Sachen autoritärer Scheisse zumindest in Europa seinesgleichen sucht. In letzter Minute wurde dem Gesetz noch hinzugefügt, dass die dortige Vorratsdatenspeicherung sogar Passwörter beinhaltet. Mehr zum französischen Horrorgesetz auf netzpolitik.

Vorgestern wurde in Ungarn ein neues “Mediengesetz” verabschiedet, das faktisch die Einführung der Zensur bedeutet.
Dunja Mijatovi, die Medienbeauftragte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), spricht von einer Gesetzeslage, wie man sie sonst nur von autoritären Regimen kennt.
Tatsächlich bietet das neue Gesetz der Regierung ab dem 1. Januar 2011 die Möglichkeit, nach eigenem Belieben nicht nur die staatlichen, sondern auch private Medien und das Internet zu kontrollieren. Diese Aufgabe kommt der neu geschaffenen Medienbehörde NMHH zu. Sollte diese künftig in der Berichterstattung etwas entdecken, das sie als Verstoß gegen allgemeines Interesse oder gegen öffentliche Sitten betrachtet, kann die Behörde Geldstrafen verhängen. Sie verfügt dabei über sehr großen Ermessensspielraum.
Oberaufsicht über TV, Radio, Zeitung und Online-Medien übernimmt eine Medienaufsichtsbehörde Zensurbehörde mit dem Namen NMHH. Sie ist komplett mit Personen aus der rechtsnationalen Regierungspartei Fidesz besetzt, die Vorsitzende ist auf neun Jahre ernannt. Die Behörde hat auch schon einzelne Strafen ausgesprochen, wird aber durch das Gesetz weiter in ihrem Handlungsspielraum gestärkt. Die Behörde kann selbst Verordnungen und Mediengesetze erlassen und ist so der Legislative entzogen. Gleichzeitig fungiert sie mit ihrem Strafsystem als Richter. Schon vor dem Gesetz wurden die öffentlich-rechtlichen Medien Ungarns verpflichtet, Nachrichten der staatlichen Nachrichtenagentur – auch sie regierungskontrolliert – zu übernehmen.
Netzpolitik hat in einem Artikel die Hintergründe und Auswirkungen des Gesetzes recherchiert:
Es gibt hohe Strafen, die man auch erstmal bezahlen muss, bevor ein Richter geklärt hat, ob man im Recht und Unrecht ist. Im Onlinebereich sollen Strafen in Höhe von 10.000 Euro zu erwarten sein, bei den anderen Medien liegen die Strafen deutlich höher. Dies bedeutet einen Chilling-Effect, weil man sich mehrfach überlegen wird, gegen Bestimmungen zu verstossen und Kritik zu laut zu äußern, weil man sonst schnell pleite ist.
Bislang sind die üblicherweise bei Iran, Venezuela & Co. auftauchenden besorgten Regierungsstimmen merklich leise geblieben. Das liegt daran, dass Ungarn ab dem 1. Januar die Ratspräsidentschaft der EU übernimmt, da wird diese massive Einschränkung der Pressefreiheit mal eben schnell auf dem Altar der Harmonie geopfert. Als einziger Regierungsvertreter hat der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn das Gesetz als “Verstoß gegen europäische Werte” bezeichnet und Ungarn politisch in die Nähe Weißrusslands gerückt. Politiker des EU-Parlamentes äußerten sich besorgt.
Und hier könnten wir ansetzen: eine europaweite Kampagne in Zusammenarbeit mit ungarischen Anti-Zensur-Aktivisten, die genau die europäische Ratspräsidentschaft nutzt, um gegen das Mediengesetz die Zensur zu schießen. Das erfordert Vernetzung und Kontakte. Erste Versuche werden zum Beispiel von bloggingportal.eu unternommen:
Voice your criticism in your blogs, on Twitter and Facebook – and put the links to your articles into the comments of this post. If you want, you can additionally send your links directly to the press team of the Hungarian Council Presidency – here is their email address: press.beu@kum.hu.
Da geht noch mehr, oder?
Ralf Bendrath gibt in diesem lesenswerten Artikel die Parole aus, dass die Vorratsdatenspeicherung am Besten über die EU zu kippen sei. Das halte ich für eine gute Idee – auch wenn es enorm viel Arbeit machen wird.
Wer in Italien in Zukunft ein Video hochladen will, soll in Zukunft dafür eine Erlaubnis des Kommunikationsministeriums benötigen. Das berichtet der Industry Standard(via). Für Italien nichts Neues, dort gab es ja auch mal Pläne, dass Blogs einer Freigabe des Ministeriums benötigen. Ich weiß nicht, was aus diesen Plänen geworden ist, aber so langsam wundert mich im Berlusconi-Land nichts mehr.
Die OSZE hat einen 36-seitigen Bericht zur Internetzensur in der Türkei vorgelegt (PDF). Aus diesem geht hervor, dass die Türkei 3.700 Seiten gesperrt hat – und das meistens über den eigentlichen “Verwendungszweck” des Gesetzes hinaus (via). Die OSZE merkt außerdem an, dass die Entwicklung einer Suchmaschine durch den türkischen Staat, den Trend zu mehr Zensur noch beschleunigen könnte:
In conclusion, it is worryingly noted that the development of a state sponsored Turkish search engine which will reflect upon ‘Turkish sensitivities’ has been announced by the Information and Communication Technologies Authority (BTK). This could be used as a tool for censorship in the near future.
Wenn über Zensur geredet wird, ist China nicht weit. Dort hat man heute (wirklich erst heute?) mit der SMS-Überwachung samt Abschalten der Anschlüsse begonnen, berichtet u.a. der Telegraph. Die Mobilfunkanbieter melden nun illegale und illegalisierte Inhalte wie Pornographie, Gewalt, Betrug, Hinweise auf Terrorismus, Anstiftung von Verbrechen und Glücksspiel an die Polizei. Das passt ganz gut zum Artikel bei Netzpolitik über die “Selbstdisziplin” chinesischer Unternehmen, bei der Überwachung mitzuwirken. Wer eine SMS schreibt, die gegen die Auflagen verstößt, muss dann zur nächsten Polizeistelle um sein Handy wieder freischalen zu lassen. (via) Unterdessen soll Google Gespräche mit der chinesischen Regierung aufgenommen haben.
Die EU versucht unterdessen mit dem Handelsabkommen Canada-EU Trade Agreement (CETA) neue Copyright-Bestimmungen in Kanada durchzusetzen. Unter anderem will die EU, dass Werke 70 Jahre über den Tod des Urhebers hinaus geschützt sind und dass Internet Service Provider haftbar für Verstöße gemacht werden. Das berichtet Michael Geist, der übrigens ein exzellenter Kenner in Fragen um das geheime ACTA-Abkommens ist. Wer zu dieser Frage informiert bleiben möchte, followe einfach den guten Mann bei Twitter.

Gegen das EU-Telekom-Paket, das mehr Überwachung, weniger Netzneutralität und weniger Freiheit für uns alle bringen wird, formiert sich europaweit Widerstand. Schreibt den Europaabgeordneten, telefoniert – und macht ganz einfach klar, dass ihr ein “freies und offenes Internet” haben wollt.
Nach neuesten Infos zeigt der Protest schon ein bisschen Wirkung. Zumindest soll bei den EU-Parlamentariern Unruhe aufkommen. Mittlerweile machen Menschen aus ganz Europa – von Polen bis Portugal – mit. Schaut auf dieses Wiki, helft mit, vernetzt Euch, bastelt Internetbanner, Flyer, usw. – lasst uns das Ding kippen.
Foto: [CC-BY] abnelgonzalez@flickr
Knüwer schreibt auf Indiskretion Ehrensache, dass die EU Blogs potenziell kontrollieren wolle. Mir wird schlecht beim Gedanken, dass wieder noch mehr Freiheit eingeschränkt werden soll.


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