Tag Archiv für 'polizeigewalt'

95 Prozent aller Verfahren wegen Polizeigewalt werden eingestellt

In der taz gibt es ein Interview mit dem Kriminologen Martin Herrnkind zu Polizeigewalt. Die Antworten sind erschreckend: so werden 95 % aller Verfahren gegen Polizeibeamte eingestellt. Grund dafür seien Gruppendruck, abgestimmte Aussagen und mangelndes Engagement der Staatsanwaltschaften. Interne Ermittler sitzen oft nicht lange auf ihren Stellen und wollen es sich deshalb nicht mit den Kollegen verscherzen. Als einziges Mittel sieht der Kriminologe externe Kontrollinstanzen oder unabhängige Ermittlungskomissionen mit weitreichenden Befugnissen. Diese Bestrebungen würden von den Polizeigewerkschaften abgeschmettert.

Wieder Polizeigewalt und Pfefferspray in Berlin

Auf die Gefahr hin, dass Metronaut gerade etwas monothematisch wird, möchten wir doch die Geschehnisse von der Gegendemo gegen einen Naziaufmarsch in Berlin-Kreuzberg dokumentieren, bei der auch Autor/innen von Metronaut durch Polizeibeamte verletzt wurden. Alle Bilder entstanden bei einer friedlichen Blockade, bei der Menschen versuchten, den Lautsprecherwagen der Nazis am Wegfahren zu hindern. Die Polizei setzte Schläge, Tritte, Schmerzgriffe und Pfefferspray gegen die Blockierer ein. Wieder einmal vollkommen unverhältnismäßig.

Die Nazis drehten übrigens auch hohl, sie attackierten Gegendemonstranten, Passanten und Menschen, die sie für Migranten hielten. Nachdem sie wegen der Blockaden keinen Meter laufen konnten, versuchten sie noch in Rudow eine Demo durchzuziehen. Der Versuch scheiterte.

Dresden: Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten

Es sind diese Bilder, die in mir als jemanden, der für Freiheit, Grund- und Menschenrechte einsteht, eine unbeschreibliche Wut auf diesen widerwärtigen Polizeiapparat entfachen. Da werden friedliche Demonstranten, die gegen eine Nazidemo protestieren wollen, mit Hunden, Pfefferspray und Wasserwerfern angegriffen. Gleichzeitig schaut die Polizei seelenruhig zu, wenn Neonazis ein linkes Hausprojekt angreifen. Und am Ende phantasiert sich der Polizeipräsident eine böse linksextreme Gewalt zusammen…

Hundeeinsatz:

Wasserwerfer:

Schläge, Tritte, Pepperballs:

Gutachten fordert Verbot von Pfeffersprayeinsatz durch die Polizei


Das Thema Pfefferspray und Reizgase und deren mittlerweile inflationär gewordene Einsatz durch die Polizei sind mir schon länger ein Anliegen. Nun hat das Thema endlich den Bundestag erreicht. Die Linken-Abgeordnete Karin Binder hat heute ein Gutachten “Der Einsatz von Pfefferspray gegen Demonstranten durch Polizeikräfte – Gesundheitliche Auswirkungen und Grundsätze der Verhältnismäßigkeit” vorgestellt, das in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages erarbeitet wurde und als PDF vorliegt.

Dort heißt es:

Der Einsatz von Pfefferspray durch Polizeibeamte stellt einen Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit nach Art. 2 Abs. 1 des Grundgesetzes (GG) dar. Er bedarf daher der verfassungsrechtlichen Rechtfertigung, die in den Bundes- und Landesgesetzen zur Ausübung des unmittelbaren Zwangs geregelt ist. Dabei muss auch bei der Verwendung von Pfefferspray stets der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit Berücksichtigung finden.

Der Reizstoff ist demnach nur dann zu bevorzugen, wenn er gegenüber anderen Maßnahmen oder Hilfsmitteln die weniger intensive Einwirkungsart darstellt. Pfefferspray kommt mittels geeigneter Sprühgeräte seit Jahren bei der Polizei zum Einsatz. Es wird dabei als Hilfsmittel der körperlichen Gewalt bzw. in diesem Sinne als Waffe gegen Personen verwendet. Durch den Einsatz der Reizstoffe sollen einzelne Personen und Personengruppen gezielt und aus der Distanz in einen handlungsunfähigen Zustand versetzt, bzw. „kampfunfähig“ gemacht werden.

Das Innenministerium Baden-Württemberg führt dazu aus, dass die Beamten nach § 52 des Polizeigesetzes (PolG BW) nur dann unmittelbaren Zwang anwenden dürfen, wenn der polizeiliche Zweck auf andere Weise nicht erreichbar scheint.

Soweit die Theorie. In der Praxis wird Pfefferspray von Polizeibeamten oft eingesetzt, auch gegen friedliche Sitzblockaden eingesetzt, wie zum Beispiel bei Protesten gegen einen Naziaufmarsch in Prenzlauer Berg 2006 (Foto). Dabei wurde gezielt in die Menge der Sitzblockierer gesprüht, was ich damals als Teilnehmer beobachten konnte. Gegen Sitzblockaden gibt es immer andere Vorgehensweisen als Pfefferspray, wie die Wirkstoffe Oleoresin Capsicum (OC) oder Pelargonsäure-vanillylamid (PAVA) im Volksmund genannt werden. Weiterlesen ‘Gutachten fordert Verbot von Pfeffersprayeinsatz durch die Polizei’

Systematische Rechtsbrüche zur Durchsetzung des Castortransports

Der Republikanische Anwältinnen- und Anwälteverein hat heute eine Pressemitteilung zum Castortransport veröffentlicht, die alle Rechtsbrüche und Grundrechtsverletzungen der Polizei rund um die Proteste gegen den Atommülltransport auflistet. Deswegen hier der gesamte Text:

RAV fordert Konsequenzen aus systematischen Rechtsbrüchen zur Durchsetzung des Castortransports

Nach den Beobachtungen des Republikanischen Anwältinnen- und Anwältevereins (RAV) kam es während des Castortransportes zu systematischen Verletzungen der Rechte auf Versammlungsfreiheit und aufder körperlichen Unversehrtheit der Demonstrant/innen sowie weiterer Grundrechte. “Die vielfach zitierte Überforderung einzelner Beamter kann dafür nicht als Begründung herhalten”, bilanziert Rechtsanwalt Martin Lemke, stellvertretender Vorsitzender es RAV.

Die Kritikpunkte im Einzelnen:

Unverhältnismäßiger Einsatz von Zwangsmitteln
In seit langem nicht erlebtem Ausmaß setzten Polizeibeamte großflächig, ohne Vorwarnung und in unverhältnismäßiger Art und Weise Zwangsmittel wie Reizgas und Schlagstöcke ein. Mitglieder des “Legal-Teams”, des Komitees für Grundrechte und Demokratie und Bundestagsabgeordnete beobachteten, wie friedlichen Demonstrant/innen aus weniger als 50cm Entfernung Reizgas direkt in die Augen gesprüht wurde. Ganze Waldabschnitte wurden mit CS-Gas vernebelt, so dass sämtliche dort Anwesende unterschiedslos betroffen waren. Polizeibeamte – darunter in mindestens einem Fall sogar ein Polizeisanitäter – wurden dabei beobachtet, wie sie ohne Vorwarnung und sichtbaren Grund auf Demonstrant/innen einprügelten. Durch diese Vorgehensweise wurden insgesamt mehr als 1000 Menschen verletzt. Über 30 Demonstrant/innen erlitten zum Teil schwere Kopfverletzungen.
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Französischer Polizist als Gewalttäter beim Castor-Transport

Ein französischer Polizist der berüchtigten CRS-Einheiten hat beim Castor-Transport auf den Schienen zwischen Harlingen und Leitstade kräftig mit zugepackt und Gewalt gegen mindestens einen Demonstranten angewendet. Das ist illegal: Amtsanmaßung und Verletzung des Waffenrechtes sind die Vorwürfe, die nun erhoben werden. Das Bundesinnenministerium behauptet nun, dass Polizisten in Bedrängnis geraten seien und der französische Polizist Nothilfe geleistet habe. Dass die eine billige und durchsichtige Schutzbehauptung ist, bezeugt diese Bilderreihe bei Flickr, die die Situation minutiös dokumentiert.

Stuttgart liegt in Weißrussland – oder warum es keine guten oder schlechten Übergriffe des Staates gibt

Wenn wir an Einschüchterungsversuche und Gewalt gegen Oppositionelle denken, dann denken wir in erster Linie an Iran, China oder Weißrussland. Dass so etwas direkt bei uns vor der Haustüre passiert, daran dachten bislang nur wenige. Oder diejenigen, die von so etwas schon betroffen waren.

Als am vergangenen Mittwoch drei Polizeibeamte “überfallartig und einschüchternd” vor der Tür eines der klagenden Wasserwerfer-Opfer von Stuttgart standen und ihm körperlichen Zwang androhten, da wurde vermutlich für den Betroffenen zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit das so geliebte Bild vom Rechtstaat zerstört. Dann drohte auch noch der Staatsanwalt “die nächste Befragung werde unangenehmer ausfallen”…

Solche Dinge sind kein Einzelfall in Deutschland. Der Unterschied ist nur, dass jetzt andere Kreise der Gesellschaft von diesen Methoden betroffen sind. Für viele Menschen im linken Spektrum gehört Einschüchterung zu den traurigen Erfahrungen, die sie nicht mehr an die im Gemeinschaftskunde- und Politikunterricht vermittelte Version von Deutschland glauben lässt. Eine ähnliche Erfahrung machten Freunde von mir 2005 als sie bei einem Besuch des damaligen Präsidenten Bush in Mainz sich in einer Wohnung aufhielten und von einem 15-köpfigen Polizeikommando unter Verletzung gleich mehrerer Grundrechte überrannt wurden. Ihr Vergehen: ein kritisches Transparent am Balkon, dass der Staat nicht sehen wollte. Die Betroffenen wurden durchsucht, gefilmt und über Stunden in der Wohnung festgehalten. Die Wohnung wurde den ganzen Tag besetzt. Damals verloren alle Beteiligten die Illusion, dass der Staat das schon richtig machen würde.

Im gleichen Jahr stürmten 300 Polizeibeamte (davon 100 Spezialeinsatzkräfte) nachts die Berliner Diskothek “Jeton”, ein Ort der für die Tolerierung von rechtsradikalen Besuchern bekannt ist. Die Polizei vermutete dort Fußball-Hooligans. Bei der Razzia wurden viele der Diskothek-Besucher übel verletzt, 21 mussten ins Krankenhaus. Der Fall dieser unglaublichen Übergriffe ist gut dokumentiert im Amnesty-Bericht ab Seite 49 (hier als PDF).

Um auf den in der Überschrift genannten Punkt zu kommen: Damals raunten Linke auf Websites wie Indymedia, dass der Einsatz doch OK sei und dass endlich mal die Nazis auf die Fresse bekommen hätten. Ähnliche Phänomene sehen wir bei den Protesten in Stuttgart. Als die Polizei am 30.9. friedliche Sitzblockierer und gut situierte Bürger zusammendrosch, mit Wasserwerfern und Pfefferspray misshandelte, war der Aufschrei groß. Zurecht.

Doch gleichzeitig mischte sich in die Empörung eine sonderbare Argumentationslinie: “Wir sind doch kein schwarzer Block”, “Wir sind doch keine Linksextremen”, “Wir sind doch keine Autonomen” und “Wir sind doch ganz normale Bürger”. Diese Argumentation, die nicht nur auf Twitter vielfach auftauchte zeigt, dass viele der Betroffenen Übergriffe gegen andere Oppositionelle weiterhin in Kauf nehmen oder legitimieren. Wenn es gegen “Chaoten” geht, dann darf die Polizei so vorgehen, kommt hier unverhohlen zum Ausdruck. Auch wenn die “Chaoten” friedlich demonstrieren. Denn Chaoten sind Chaoten. Gelten für sie andere Gesetze?

Nein. So darf man nicht argumentieren, wenn man Grundrechte und den Rechtstaat schützen will. Diese Argumentation macht es dem Staat leicht, bestimmte Gruppen zu kriminalisieren und sie anders zu behandeln. Sie schlechter zu behandeln. Und das ohne einen Aufschrei der Empörungauszulösen.

Doch: Ein Übergriff der Polizei gegen irgendjemanden in diesem Land, ist immer auch ein Übergriff auf meine Rechte. Wenn Nazis von der Polizei misshandelt werden, dann mag das zwar reflexhaft klammheimliche Schadenfreude auslösen, doch die sollte nur von kurzer Dauer sein: denn beim nächsten Mal kann sich diese Gewalt gegen dich selbst kehren. Jede Einschränkung von Grundrechten und Freiheiten, egal gegen wen, ist im Zweifelsfall immer auf alle anwendbar. Deshalb sollten wir immer, wenn irgendwo staatliche Übergriffe gegen irgendjemand stattfinden, ob Migrant, Neonazi, Wendlanddemonstrantin oder Stuttgarter Bürger, dies verurteilen und dagegen protestieren. Das muss gar nicht mal aus Solidarität passieren, sondern nur zum Schutz von Grundrechten und Prinzipien der Rechtstaatlichkeit.

DDR-Grenzer gegen westdeutsches Tränengas

Bei der Räumung des Lennédreiecks 1988 wurden Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Irgendwann kommt es zur Megaphondurchsage der Grenzsoldaten der DDR. Sie fordern die Berliner Polizei auf, Leib und Leben der Grenzsoldaten nicht weiter zu gefährden. Ein großartiges Video – und schönes Stück Geschichte. (via)

Vorwurf: Agent Provocateur in Stuttgart?

Stuttgart21-Gegner und mehrere Blogs (1,2,3,4,5) erheben den Vorwurf, dass die Polizei in Stuttgart einen Agent Provocateur eingesetzt habe. Der Mann, der angeblich die Polizei mit Pfefferspray attackiert habe, ist hier konkret im Verdacht. Es gibt mehrere vage Anhaltspunkte, die für so etwas sprechen. Dass die Polizei in ihrem Video (Link auf Polizei BW) mittlerweile den Timecode geschwärzt hat, zeigt übrigens, dass sie den Zeitpunkt des vermeintlichen Angriffs verschleiern will. Bei der Pressekonferenz war hier noch 14:00 Uhr zu lesen (siehe ZDF-Video).

Stuttgart 21: Mit brutaler Gewalt gegen Demonstranten

Mit einer Orgie der Gewalt hat die Polizei in Stuttgart den Schlossgarten geräumt. Beim Polizeieinsatz wurden nach bisherigen Quellen mehrere hundert Menschen verletzt, darunter viele Jugendliche. Sie hatten an einer angemeldeten Demonstration teilgenommen. Die meisten Verletzten hatten durch Reizgas herbvorgerufene Augenverletzungen. Ein Teilnehmer verlor durch den Polizeieinsatz sein Augenlicht (dpa-Foto).

Den Polizeieinsatz beschrieben auch Mainstream-Medien als äußerst brutal: “Schwere Gewalt gegen Bahnhofsgegner” (Stern), “Bürgerkrieg im Schlossgarten” (Spiegel Online), “Rambo-Einsatz gegen Kinder und Alte” (tagesschau.de) oder “Polizei räumt mit Gewalt: Jetzt fließt Blut” (Bild.de) sind nur einige der Headlines des Tages.

Dass sich der baden-württembergische Innenminister nach dieser einer Demokratie unwürdigen Aktion noch getraut zu sagen, dass die Aggression von den Demonstranten ausgegangen sei, ist eine klare Schutzbehauptung für diesen unverhältnismäßigen Einsatz. Die einzigen Bilder, die ich bislang gesehen habe, waren friedliche Demonstranten, die zu – in einer parlamentarischen Demokratie legitimen Mitteln – wie Sitzblockaden und anderer Formen des zivilen Ungehorsams gegriffen haben. Der Versuch, die Gewalt den Protestierenden in die Schuhe zu schieben, wird angesichts der erdrückenden Beweislast nicht funktionieren.

Der heutige Tag hat Stuttgart 21 endgültig zu einem bundesweiten Thema gemacht. Mahnwachen und Kundgebungen gegen Stuttgart 21 und Polizeigewalt gab es (und sind geplant) in 37 Städten:
Augsburg, Berlin, Bielefeld, Bochum, Braunschweig, Bremen, Chemnitz, Darmstadt, Dortmund, Dresden, Düsseldorf, Flensburg, Frankfurt, Freiburg, Göttingen, Hamburg, Hannover, Husum, Jena, Karlsruhe, Köln, Leipzig, Mainz, Mannheim, München, Münster, Neuss, Nürnberg, Osnabrück, Regensburg, Saarbrücken, Sindelfingen, Tübingen, Ulm, Wehr, Wien, Würzburg.

Das Foto oben entstand auf der Kundgebung in Berlin. Dort waren gut 200 Menschen spontan zusammengekommen.