Tag Archiv für 'repression'

Berlin: Tagung zu digitalen Schnüffelwerkzeugen

Am 4. Februar gibt es eine spannende Tagung zu “Sozialen Bewegungen im digitalen Tsunami”, die sich vor allem mit den polizeilichen Repressionsmitteln und Gegenstrategien zu diesen beschäftigt. Themen sind u.a. Funkzellenauswertungen in Sachsen, Echtzeit-Beobachtungen von Demonstranten im Iran, Deep Packet Inspektion, Data-Mining und polizeiliche Auswertungen in sozialen Netzwerken.

In der Pressemitteilung der Veranstaltung heißt es:

Vor fünf Jahren organisierten sich europäische Innenminister unter Rädelsführerschaft der deutschen EU-Präsidentschaft in einer sogenannten „Future Group“, um auf die Weichenstellungen für die Polizeiarbeit der Zukunft Einfluss zu nehmen. Schon damals wurde von „gewaltigen Informationsmengen, die für öffentliche Sicherheitsorganisationen nützlich sein können“ orakelt: Der erwartete „digitale Tsunami“ würde demnach verheißen, Milliarden elektronischer Geräte in Echtzeit zu verfolgen und Verhaltensmuster ihrer NutzerInnen analysieren zu können. Inzwischen wird diese digitale Aufrüstung zunehmend spürbar und erreicht auch Soziale Bewegungen. Denn die neuen kriminaltechnischen Werkzeuge finden in den behördlichen Beschaffungsabteilungen begeisterte Abnehmer. Die Aufstände in nordafrikanischen und arabischen Ländern zeigen, dass die Produkte der neuen Generation skrupellos auch an autoritäre Regierungen verkauft werden.

Ihr zunehmender Einsatz bewegt sich auch in Europa oftmals in einer rechtlichen Grauzone: Die Anwendungen liegen quer zur gegenwärtigen Gesetzgebung.

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Repressionssoftware: Deutsche Firma Utimaco unterstützt Syrien mit Hardware

Die Deutsche Firma Utimaco AG, eine Tochter der Sophos Group, hat Hardware zur Telekommunikationsüberwachung nach Syrien geliefert. Das berichtete Bloomberg gestern. Die italienische Firma Area Spa installierte die Hardware von Utimaco und NetApp.Inc – nach dem Beginn der Proteste gegen das Assad-Regime:

Employees of Area SpA, a surveillance company based outside Milan, are installing the system under the direction of Syrian intelligence agents, who’ve pushed the Italians to finish, saying they urgently need to track people, a person familiar with the project says. The Area employees have flown into Damascus in shifts this year as the violence has escalated, says the person, who has worked on the system for Area.

Area is using equipment from American and European companies, according to blueprints and other documents obtained by Bloomberg News and the person familiar with the job. The project includes Sunnyvale, California-based NetApp Inc. (NTAP) storage hardware and software for archiving e-mails; probes to scan Syria’s communications network from Paris-based Qosmos SA; and gear from Germany’s Utimaco Safeware AG (USA) that connects tapped telecom lines to Area’s monitoring-center computers.

Bei der ganzen Operation lieferten Utimaco und NetApp.Inc nicht direkt an Syrien, sondern wählten den Weg über Italien. Das Überwachungssystem ist “maßgeschneidert für Repression” sagt Menschenrechtsaktivist Mark Dubowitz zu Bloomberg. Es erlaubt eine Real-Time-Überwachung der Kommunikation und ein graphisches Mapping der Netzwerke der syrischen Bürger.

Das syrische Regime hat seit dem Beginn der Proteste mehr als 3.000 Menschen getötet. Ein weiterer Lieferant von Überwachungssoftware ist das Unternehmen BlueCoat. Menschenrechtler und Internetaktisten fordern seit längerem ein Verbot von Überwachungs- und Repressionssoftware in autoritäre Regime. Deutschland ist eines der führenden Export-Länder in diesen Technologien. Problematisiert wird das Thema erst, seit Nokia Siemens Networks Überwachungssoftware in den Iran verkauft hatte.

Polizei schikaniert Protestcamp auf dem Alexanderplatz

Mit kleinlichen Auflagen und ständiger Präsenz versucht die Berliner Polizei das Protestcamp “AcampaDaBerlin” auf dem Berliner Alexanderplatz zu schikanieren. Das berichten Aktivisten vor Ort. Die Demonstranten protestieren nach spanischem Vorbild für echte Demokratie.

Castor-Transport: Polizei fährt die Panikmaschine an

Im Zusammenhang mit dem Castor-Transport fahren Polizei, BKA und das Innenministerium Niedersachsen die altbewährte und durchschaubare Panikmaschine an. Mit Kriminalisierung und dem Ausmalen von Gewaltszenarien sollen Menschen vom Protest abgeschreckt werden.

Der Focus zum Beispiel zitiert eine interne Lageeinschätzung des BKA, die dem Blatt “zufällig” zugespielt worden ist. In dieser phantasiert das Bundeskriminalamt von einer “zunehmenden Gewaltbereitschaft” der Castor-Gegner. “Noch nie war die Angst so groß, dass die Proteste gegen den Castor-Transport aus dem Ruder laufen können” schreibt der Focus alarmistisch – und erfüllt so die Erwartungen derer, die die Proteste klein halten wollen.

Das könnte schwierig werden, denn im ganzen Land blüht die Anti-Atombewegung wieder auf. Die Organisatoren im Wendland rechnen mit mindestens 30.000 Menschen, die auf der Großdemo am 6. November teilnehmen werden. Es wäre die größte Demo bei einem Castor-Transport, die jemals stattgefunden hat. Die Anti-Atombewegung kann sich dabei auf eine mehrheitliche Ablehnung der Atomkraft in der Bevölkerung stützen. Und viele sind sauer, dass die Merkel-Regierung die Laufzeiten der Meiler verlängert und Geheimverträge mit der Atomlobby geschlossen hat.

Unterdessen fährt die Staatsanwaltschaft Lüneburg dicke Geschütze auf. Sie ermittelt gegen über 500 Einzelpersonen und Gruppen, die im Rahmen der Aktion “Castor schottern” die Absicht erklärt haben, das Gleisbett als Akt des zivilen Ungehorsams zu unterhöhlen. Dabei betonen die Aktivisten, dass sie keine Krawalle wollen: “Ziel unserer Aktion ist, die Schiene unbrauchbar zu machen und nicht, die Polizei anzugreifen.”

Das sieht Jochen Stay von ausgestrahlt genauso:
“Selbst die angekündigte Entnahme von Schottersteinen aus einer Bahnlinie, die für den regulären Zugverkehr gesperrt ist, ist zwar nicht legal, aber hat nichts mit Krawall oder Gewalt zu tun“.

Die Repressionswelle scheint die Anzahl der Unterstützer von “Castor Schottern” nicht zu mindern: seit die Ermittlungsverfahren laufen, haben sich mehr als 100 weitere Einzelpersonen und Gruppen zu dieser Aktionsform bereit erklärt. Das Unterhöhlen von Straßen und Schienen ist nichts neues: immer wieder wurden in den letzten Jahren solche Versuche unternommen. Neu ist, dass die Gegner ihre Absicht vorher öffentlich kundtun und so die Legitimität ihrer Aktion untermauern.

Insgesamt ist mit einem „bunten, vielfältigen und gewaltfreien Protest“ zu rechnen, so Stay weiter. Das Spektrum reicht von den klassischen Sitzblockaden bis hin zu neueren Aktionsformen, die das Aktionsbündnis “Atomkraft wegbassen” angekündigt hat. Die Initiative aus Club- und Partykollektiven, Kulturinitiativen und der Hedonistischen Internationale will der Regierung “den Bass des Widerstands laut und dreckig um die Ohren wummern lassen”. Bislang haben etwa 20 Gruppen aus ganz Deutschland den Aufruf unterschrieben.

Abhörtechnik für Iran: Siemens wird verklagt

Nachdem wir hier auf Metronaut über die Geschäfte von Nokia Siemens Networks mit dem Regime im Iran berichtet haben, steht heute ein Artikel dazu bei SPON: Ein iranischer Dissident, der dort im Knast sitzt, verklagt Siemens über ein amerikanisches Anwaltsbüro. Der Grund: Die Abhörtechnik, die Nokia Siemens Networks an den Iran geliefert hat, hätte zu seiner Verhaftung geführt.

Nokia feiert die Freiheit. Und bringt iranische Aktivisten in den Knast.

Da gibt es einen Konzern, der sein Geld damit verdient, an Regierungen Technologie zur Überwachung ihrer Bürger zu verkaufen.
Da gibt es eine Bürgerbewegung, die sich über das Internet vernetzt, um diesen Konzern in seine Schranken zu weisen.
Das Problem ist: Der Konzern existiert nicht. Und die Bürgerbewegung ist nur eine Marketing-Inszenierung. Inszeniert von einem anderen, sehr realen Konzern, der wiederum Überwachungstechnologie an totalitäre Regimes verkauft.

Schon verwirrt? Also der Reihe nach: Weiterlesen ‘Nokia feiert die Freiheit. Und bringt iranische Aktivisten in den Knast.’

“Du spürst die Änderungen in der Luft” – Interview mit dem ukrainischen Zensurgegner Alexandr Wolodarskij

22.jpgAlexandr Wolodarskij wurde im November bei einer Aktion vor der Werchnowa Rada, dem ukrainischen Parlament, verhaftet. Er hatte mit einer anderen Aktivistin nackt einen Geschlechtsakt imitiert, um auf die erstarkende Zensur des ukrainischen Staates hinzuweisen. Nach seiner Verhaftung drohen Wolodarskij bis zu fünf Jahre Haft, weil ihm nach Artikel 2 des Paragrafen 296 („durch Gruppen vollzogenes Rowdytum“ / Landfriedensbruch) der Prozess gemacht wird. Nach anderthalb Monaten in Untersuchungshaft kam Wolodarskij, der unter dem Namen Shiitman bloggt, jetzt frei. Der Prozess gegen ihn geht weiter. Menschenrechtsgruppen bezeichnen den Prozess als unangemessen und unverhältnismäßig.

In der Ukraine wird seit 2008 wieder vermehrt zensiert. In Deutschland hat man davon bis jetzt kaum etwas mitbekommen. Gegen welche Inhalte richtet sich die Zensur und wie wird sie begründet?

Es gibt drei Richtungen der Zensurtätigkeit: Sexualität, Gewalt und „politische Inkorrektheit“. Pornographie wird offiziell als gemeingefährliche Erscheinung in eine Reihe mit Rechtsextremismus gestellt, erotische Kunstwerke werden oft als Pornographie bewertet. Es werden auch Filme und Bücher verboten, die eigentlich sehr wenig mit Erotik zu tun haben, zum Beispiel Film „Bruno“ mit Sasha Baron Cohen. Die Moralisten sehen in diesem Film „Propaganda für Homosexualität“, die aus ihrer Sicht unmoralisch ist. Die Logik ist ganz einfach: Homosexualität ist eine Perversion und Perversion ist Pornographie. „Hostel 2“ von Quentin Tarantino und „The Saw 6“ wurden auch für unzulässig erklärt, weil sie gewalttätige Szenen enthalten.

Oder ein anderes Beispiel: das deutsche Buch „Zeig Mal“ (sexuelle Aufklärung für Kinder) wurde als Kinderpornographie bewertet und das beste ukrainische Internetkulturportal http://proza.com.ua, das ein Paar Illustrationen daraus veröffentlicht hatte, wurde geschlossen und der Autor, der momentan ausgewandert ist, wurde verfolgt. Mich erinnert das an die englische TV-Serie „Monkey Dust“. Der Paedofinder General würde bestimmt einen Job in der ukrainischen Moralkommission bekommen.

Es werden auch Bücher von ukrainischen Autoren zensiert, sie müssen erotische Szenen „anständig“ machen oder werden einfach nicht publiziert. Die meisten Buchverlage wollen nicht vor Gericht gestellt werden, und vernichten deshalb die vermeintlich gefährlichen Auflagen selbst.

Man kann nicht sagen, dass die Moralkommission nicht angreifbar wäre: ein Bündnis von Buchverlagen und Autoren könnte sie überwinden, aber die Leute sind zu feige und zu passiv. Glücklicherweise ändert sich die Situation gerade, der Freisinn wird in den intellektuellen Kreisen wieder wichtiger.

Die politische Korrektheit (Political Correctness) ist auch ein interessantes Thema, denn sie kann potenziell als Mittel der politischen Unterdrückung verwendet werden. In der Moralkommission gibt es Mitglieder der ultrarechten Partei „Swoboda“ (das ist so etwas wie die ukrainische NPD), die gegen alles „Ukrainophobe“ hetzen. Als „ukrainophob“ kann natürlich jede kritische antinationalistische oder antiklerikale Aussage beurteilt werden. Das Ironische an der Sache ist, dass die Nazis hier Instrumente verwenden, die ursprünglich dazu entwickelt wurden, um Diskriminierung zu bekämpfen.

Die härtesten Zensurmaßnahmen werden immer mit den besten Motiven begründet. Die Moralisten begründen die Notwendigkeit der Internetzensur mit dem „Schutz der Kinder“. Dabei werden sie von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Solche Leute wissen nicht, das es schon längst parental-control software gibt, die aus der Sicht der Eltern unzulässige Inhalte, effektiv blockieren kann.

Vasyl Kostizkiy, Vorsitzender der Moralkommission, hat in einem Interview gesagt, dass Pornographie „die biochemischen Prozesse im Körper zerstört“. Das Hauptproblem ist eigentlich, dass die Leute, die sich um unsere moralische Gesundheit sorgen, dumm und ungebildet sind. Mit einem schlauen und niederträchtigen Mensch kann man sich immer irgendwie vereinbaren, so einen „Bösewicht“ kann man logisch beeinflussen. Aber böse dumme Menschen sind unvorhersehbar und darum gefährlich.

Die „orangene Revolution“ wurde hier als Sieg der Demokratie, der Freiheit und der Bürgerrechte gefeiert. Warum kommt genau in dieser Phase der Ukraine jetzt die zunehmende Zensur?

Das sogenannte „Moralgesetz“ wurde im Jahr 2004 noch vor der Orangenen Revolution verabschiedet. Aber wie es oft in der Ukraine passiert, wurde das Gesetz praktisch nicht angewandt. Die Kommission hat nur formale Funktionen erfüllt, bevor Vasyl Kostizkiy ihr Vorsitzender wurde und seinen moralischen Kreuzzug begann. Das Problem ist: die Leute sind von der Orangenen Revolution enttäuscht. Für die Mehrheit der ukrainischen Intelligenz ist es heute nicht mehr en vogue politisch aktiv zu sein, während das einfache Volk immer noch Angst vor der Freiheit hat. Viele Menschen verhalten sich noch immer wie im Stalinismus und denken, dass die Demokratie eine Provokation sei. Das merkt man, wenn man mit Menschen aus bildungsfernen Schichten spricht, die immer noch ein großen Anteil an der Bevölkerung in der Ukraine haben. Außerdem gibt es die Vorbilder Russland und Weißrussland, wo es zwar viel weniger bürgerliche Freiheiten gibt und Menschenrechte ständig verletzt werden, aber die soziale und wirtschaftliche Situation stabiler ist. Es steckt irgendwo im Unterbewusstsein der Menschen, dass man die Freiheit gegen Wohlstand opfern muss. Europa spielt als Vorbild keine so große Rolle. Viele Leute glauben einfach nicht, dass man in der Ukraine europäisch leben kann. Das wird wie eine Utopie gesehen. Außerdem war die europäische Integration ein Motto der orangenen Revolution. Alles was diese Revolution angeht, ruft mittlerweile Abneigung bei den Menschen hervor.

Außerdem darf man nicht übersehen, dass die Rechtsradikalen stärker geworden sind. Die Politik von Viktor Justschenko, der versucht hat das Volk mit liberal-nationalistischen Parolen zu vereinigen, hat unvorsichtig den Weg für Neonazis geebnet. Moral ist ein beliebtes Thema für alle Nazis, wie schon Wilhelm Reich bemerkt hat, bevor er verrückt wurde. Während die Kommission staatlichen Druck von oben ausübt, greifen die Straßennazis Galerien, Schriftsteller und Journalisten an, die man gesetzlich nicht erreichen kann.

Welche staatlichen Stellen sind verantwortlich für Zensur und wie kann man sich so einen Zensurvorgang vorstellen? Wie läuft das ab?

Wie ich schon gesagt habe, die Hauptursachen sind menschliche Furcht und Gemeinheit. Es gibt von Seiten des Staates die „Nationale Kommission für Fragen des Schutzes der Moral“, kurz gesagt die „Moralkommission“. Diese Kommission ist befugt zu beurteilen, welche Kunstwerke moralisch und welche unmoralisch sind. Jeder Mensch darf eine Anfrage in die Kommission schicken, um eine Expertenmeinung zu bekommen. Autoren und Buchverlage sind also nicht verpflichtet ihre Werke dort vorzulegen. Aber jeder Bürger darf bei der Zensur mitmachen und damit andere denunzieren. Auch so können unerwünschte Autoren Opfer der Zensur werden.

Die Kommission kann dann ein Buch als nicht zulässig einstufen. Damit wird es aus dem Verkauf genommen. Wie ich oben schon gesagt habe: die meisten Buchverlage und Händler wollen keine Probleme haben und beugen sich dem Druck der Moralkommission.

Eigentlich ist Zensur durch die ukrainische Verfassung direkt verboten. Die Aktivitäten der Moralkommission sind also gar nicht legitim, obwohl sie eine staatliches Organ darstellt. Sie ist eigentlich ein Papiertiger, aber zu viele Ukrainer haben Papierherzen.


Welche politischen Gruppierungen befürworten die Zensur? Gibt es Zusammenhänge zwischen Korruption und Zensur?

Das ist eine interessante Frage, denn eigentlich gibt es in fast allen Parteien Anhänger und Gegner der Zensur. Die Ultrarechten, vor allem „Swoboda“ unterstützten die Zensur, viele – aber nicht alle – Mitglieder von BjuT (Block Julia Timoschenko) unterstützen sie auch. Die ehemalige Premierministerin, Julia Timoschenko hat oft von der „Diktatur des Gesetzes“ und der „Stärkung der Moral“ gesprochen. Viktor Justschenko, dagegen, war nie ein Anhänger der Moralkommission, ist aber auch nicht aktiv gegen sie aufgetreten. Die Position der Regionenpartei, deren Anführer Viktor Janukowitsch gerade zum Präsidenten gewählt wurde, ist unklar.

Der Zusammenhang zwischen Korruption und Zensur wird offenbar, wenn man die Macht hat zu entscheiden, welche Produktion „pornographisch“ und damit unzulässig, und welche einfach „erotisch“ und damit zulässig ist. Diese Macht wird dann als Druckmittel verwendet. Man kann in Zusammenarbeit mit der Miliz unerwünschte Geschäfte oder Websites ganz einfach schließen oder ein Bestechungsgeld von ihnen bekommen. Ich persönlich kann keine nachweisbaren Beispiele für solch eine Erpressung geben, aber eine Sache weiß ich ganz genau: in der Ukraine sind die Begriffe Macht und Korruption Synonyme.

In wiefern richtet sich die Zensur gegen politische Inhalte?

Man sollte festhalten, dass die Ukraine keine Diktatur ist. Das Land ist zwar durch und durch korrumpiert und die Beamten handeln willkürlich. Wir haben aber noch keinen Totalitarismus, es gibt keine Einheit der autoritären Kräfte, denn die Bürokraten kämpfen miteinander um die Macht und stören sich untereinander. Aber wenn eine politische Macht die Möglichkeit zu zensieren bekommt, versucht sie diese natürlich auch zu anzuwenden. Bis jetzt kann ich – zum Glück – keine erfolgreichen Beispiele einer rein politischen Zensur nennen. Man muss aber die Wörter von Vasyl Kostizkiy im Kopf behalten. Er hat in einem Interview deutlich gesagt, dass die Kommission die „Ukrainophobie“ bekämpfen wird. Wie ich schon bemerkt habe, als antiukrainisch kann man jede antinationalistische Aussage beurteilen.

Rassismus und Nazis sind in der Ukraine offiziell verboten, aber Nationalismus wird staatlich gefördert. Wenn also ein Nazi in der Ukraine kein Hakenkreuz trägt, ist er überall willkommen – auch in der Moralkommission. Ein Beispiel ist der bekannte ukrainische Schauspieler und Politiker Bogdan Benjuk, der in der Öffentlichkeit antisemitische Anekdoten erzählt und von Blutreinheit spricht. Er ist ein ein Mitglied der Kommission. Wenn wir in der nächsten Zeit das Gesetz nicht ändern, haben die so genannten „Ukrainophoben“ eine sehr traurige Zukunft.

ukrainezensur284px.jpgIn der Ukraine wurde vor kurzem das so genannte „Gesetz 404“ eingeführt. Es regelt, dass alle Kommunikationsverbindungen protokolliert werden. Außerdem sollen die Internetnutzer alle Inhalte, die angeblich gegen ein Gesetz verstoßen, bei den Behörden melden. Welche Auswirkungen hat diese Mischung aus Vorratsdatenspeicherung und Denunziation?

Ich glaube, das das Gesetz 404 noch keine weitreichenden Auswirkungen in der nächsten Zeit hat, denn die Ukraine ist momentan technisch nicht in der Lage das Internet zu kontrollieren. Und wenn man versucht irgendwelche Instrumente dazu entwickeln, wie z.B eine „Große Firewall“ wie in China, dann wird das eher ein großes Geldwäschegeschäft werden, das nichts bringen wird. Es ist schon sonderbar, aber Korruption schützt uns manchmal vor der totalen Kontrolle. Dieses Gesetz kann aber potenziell dazu verwendet werden, um Internetprovider zu erpressen. Und auch Privatpersonen sind verunsichert, da die Miliz den Menschen immer wieder Dinge unterschiebt. So passiert das zum Beispiel mit Drogen. In Zukunft könnte das auch mit Pornografie passieren.

In Deutschland ist wenig über die ukrainische Blogosphäre bekannt. Bloggen viele Ukrainerinnen und Ukrainer? Welche Social Networks sind populär? Wird Twitter genutzt?

Die ukrainische Blogosphäre kann man kaum von der Russischen trennen. Viele Ukrainer schreiben auf russisch. Ukrainisch und russisch sind sehr nah verwandte Sprachen und wenn man sich nicht mit dem nationalistischen Zeug aufhält, dann kann man ganz gut beide Sprachen verstehen.

Livejournal war immer die Plattform für Blogger aus der ehemaligen Sowjetunion. Im Westen ist Livejournal mehr ein Service für Teenager gewesen, aber in Russland und Ukraine ist es eines der wichtigsten elektronischen Medien. Viele Politiker, fast alle Journalisten und viele Celebrities haben ihr Blog dort. Heutzutage sind einige zu Standalone-Blogs oder blogger.com übergegangen. Livejournal ist leider voll von Spammern und bezahlten Bloggern, bleibt aber immer noch eine ganz wichtiger Anlaufpunkt für die ukrainische Blogosphäre. Man sollte auch lj.rossia.org nennen, eine libertärer Blogservice, der frei von jeder Art der Werbung oder Zensur ist. Ich persönlich habe ein Standalone-Blog, das weitergeleitet wird, denn der größte Anteil meiner  Leser befindet sich doch bei Livejournal. Vor einem Jahr habe ich kaum geschrieben, nach dem Gefängnis habe ich wieder aktiv begonnen: es ist ein gutes Mittel gegen die Schaffenskrise.

Die wichtigsten Sozialen Netzwerke sind die russischen Vkontakte (www.vk.kom) und Odnoklassniki (odnoklassniki.ru). Facebook wird viel seltener verwendet, auch wenn es langsam populärer wird. Fast alle Jugendliche, zumindest in den Städten, haben einen Account in einem Social Network. Auch Twitter ist in der letzten Zeit populärer geworden, es werden aber auch andere Microbloggingservices verwendet.

Gibt es in der Ukraine eine Bewegung oder Proteste gegen Zensur und Einschränkungen der Bürgerrechte?

Die Bewegung gegen die Zensur ist noch ziemlich jung, sie entsteht gerade. Bekannte ukrainische Schriftsteller haben im Januar eine Aktion gegen das Moralgesetz gemacht und viele Journalisten haben schon seit Jahren kritische Artikel darüber geschrieben. Vor einigen Tagen hat die Journalistenvereinigung eine Stellungnahme gegen die Moralkommission veröffentlicht. Im Internet ist die Livejournal-Community (http://community.livejournal.com/moral_monitor) sehr wichtig. Dort können fast alle engagierten Leute zu diesem Thema gefunden werden. Man darf auch die Bürgerrechtler nicht vergessen, die Gruppe aus Winniza, die ukrainische Filiale der Helsinki Gruppe, spielen eine große Rolle – nicht nur in dem Kampf gegen der Zensur, sondern in der Bürgerrechtebewegung allgemein.

Im November hast Du mit anderen Aktivisten vor dem ukrainischen Parlament eine spektakuläre Aktion gestartet. Was habt ihr gemacht?

Eigentlich sollte unsere Aktion ursprünglich etwas anders aussehen. Wir hätten viel mehr Leute und Requisiten gebraucht, aber viele unserer Mitstreiter sind in der letzten Sekunde abgesprungen. Also, schließlich hat die stark verkürzte und vereinfachte Version der Aktion so ausgesehen: wir kamen zur Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, und ein Freund aus Polen hat pornografische Plakate gezeigt und eine absurde Rede gehalten. Der Wortlaut der Rede war ungefähr dieser: „Wir sind in die Ukraine gekommen und haben einen Film mitgebracht, der in der ganzen Welt sehr berühmt ist. Wir wissen aber, dass es in eurem Land die Moralkommission gibt, die alle Inhalte zensieren will. Wir möchten eine Szene aus dem Film hier zeigen und fragen, ob unser Film zugelassen werden kann…“.

aktion_300px.jpgWährend dieser Rede habe ich mit einem Mädchen trotz der Kälte (Anmerkung der Redaktion: die Aktion fand am 2. November 2009 statt) einen Geschlechtsakt imitiert, und somit eine Szene aus unserem nicht existierenden Pornofilm dargestellt. Das alles haben Journalisten gefilmt und fotografiert. Kurz darauf sind aus dem Park orthodoxe Christen mit Eisenstangen herausgelaufen und haben versucht uns und die Journalisten zu schlagen. Wie ich später erfahren habe, leben die Orthodoxen in diesem Park seit Jahren, sie protestieren weil sie ihre Kirche mit Anhängern eines anderen Zweiges des orhodoxen Christentums teilen müssen. Sie dachten, dass wir Agenten dieses anderen Zweiges, oder noch schlimmer, direkt vom Vatikan sind. Dann sind Milizionäre gekommen, meine Partnerin konnte noch weglaufen als ich mit den Millizionären geredet habe.

Es war ein großer Fehler, dass ich mich bei der ukrainischen Miliz wie bei der deutschen Polizei benommen habe. Aber ich war sicher, dass unsere Aktion keine Strafverfolgung mit sich bringen würde. Also bin ich nicht abgehauen und habe meinen Ausweis gezeigt. Der Ausweis wurde mir gleich weggenommen und ich wurde verhaftet.

Wie wurde diese Aktion in der Ukraine von den Menschen aufgenommen?

Das größte Teil der Menschen hat gar nicht verstanden, worum es geht. Viele Menschen wissen nicht, dass es eine „Moralkommission“ gibt, die Zensur betreibt. Und die Leute verstehen nicht, dass Zensur etwas Schlechtes ist, und dass sie in einer Gesellschaft nicht existieren sollte, und dass man dagegen kämpfen muss. Also, die einfache Leuten haben wenig verstanden, die Meinung der Intelligenz ist viel interessanter. Viele glauben, dass die Aktion sinnlos, aber die Strafe unangemessen ist. Andere unterstützen die Idee, sind aber mit der Umsetzung nicht froh. Wieder andere unterstützen mich vollständig. Die rechten “Intellektuellen“ sind der Meinung, dass ich gelyncht werden sollte.

Es gab viele Aktionen zu meiner Unterstützung und ein großes Echo in der Presse bis hin zum Fernsehen. Ich wurde eigentlich nur deswegen vor der Gerichtsverhandlung freigelassen. Eine Sache ist ganz wichtig: nach unserer Aktion sind viele Leute, die früher eher passiv gegen Zensur waren wirklich aktiv geworden. Mit ganz unterschiedlicher Motivation. Die einen sagen „Ach, diese Narren diskreditieren die Freiheitsbewegung, wir müssen doch zeigen wie man richtig protestiert“ die anderen sagen „Sie waren tapfer genug, wir müssen doch nicht schlechter sein“. Wieder andere sehen „Oh, wenn man gegen der Zensur kämpft, kann man ins Fernsehen kommen“ und einige bemerken „Wir haben eine Zensur in unserem Staat? Wirklich? Seit wann? Man muss doch etwas dagegen machen!“ Das ist gut so. Die Leute machen etwas, oder sind bereit etwas zu machen, oder sind mindestens bereit im Internet zu schreiben, wie bereit sie sind. Dass alles bildet so einen Informationshintergrund, der sehr wichtig ist. Es passiert nichts, aber du spürst die Änderungen in der Luft. Und dann kommen sie auch.

Du wurdest nach der Aktion für zwei Monate in Untersuchungshaft gesteckt. Was wirft man Dir vor?

Mir wird „durch Gruppen vollzogenes Rowdytum“ (Paragraf 296  des ukrainischen Strafgesetzbuches) vorgeworfen, die Höchststrafe dafür sind vier Jahre Freiheitsentzug. Ich habe aber eine gute Verteidigerin, die mir von der Helsinki-Gruppe angeboten wurde, und ich bin sicher, dass ich freigesprochen werde.

Wie ist die Situation in ukrainischen Gefängnissen? Was hast Du dort erlebt?

Die Situation in den ukrainischen Gefängnissen ist für einen Europäer schrecklich. Ich habe zum Beispiel zum Beispiel in einer Zelle gelebt, die für 20 Leute ausgerichtet ist. Diese Zelle war aber immer mit 25-35 Leuten belegt, wir mussten in Schichten schlafen und die Schlafplätze teilen. Es gab nur kaltes Wasser in der Zelle, eine heiße Dusche bekommt man einmal pro Woche. Das Essen ist nur teilweise essbar, mich haben die Pakete von draußen gerettet. Wenn ich keine Hilfe bekommen hätte, wäre alles viel schlimmer gewesen. Es war kalt, sehr kalt. Im Sommer, vermute ich, ist es sehr heiß in den Zellen. Wenn man krank wird, bekommt man Aspirin als Universalheilmittel, es ist ganz schwierig andere Medikamente zu erhalten. Ich habe das Gefängnis mit einer Lungenentzündung verlassen. Als ich einmal Nasenbluten hatte, das nicht aufhörte, konnte ich die medizinische Hilfe erst nach zwei Stunden bekommen. Dabei war ich ja fast ein VIP-Gefangener, man hat über mich in TV berichtet und in Zeitungen geschrieben, ich durfte ja nicht einfach sterben. Die anderen hatten nicht so ein Glück. Ein Mann in unserer Zelle, Viktor Nesterow, konnte nicht essen, konnte kaum selbst gehen, hat Blut gehustet und war mehr oder weniger verrückt. Wir haben den Aufsehern fünf Tage hintereinander gesagt, dass dieser Mann halbtot sei und medizinische Hilfe brauche. Sie haben nicht reagiert. Dann schließlich haben sie ihn ins Krankenhaus gebracht. Das war aber schon zu spät, er ist dort gestorben.

Welche Menschenrechtsverletzungen hast Du im Gefängnis beobachten oder am eigenen Leib zu spüren bekommen?

Es ging schon auf der Miliz-Station los. Die Leute werden in Miliz gequält, ich habe einem Mann gesehen, der kaum sitzen konnte, sein gesamter Körper war eine einzige Schwellung. Er wollte erst seine Schuld nicht eingestehen, hat aber schließlich alles unterschrieben. Ich persönlich wurde nicht geschlagen, nur bedroht. Die Aufmerksamkeit der Presse hat mich gerettet.

Juristische Hilfe bekommt man einfach nicht, ich habe keine Möglichkeit gehabt, den Verteidiger selbst auszuwählen. Mir wurde ein Verteidiger aufgezwungen, der vor einigen Jahren selbst ein Milizionär in derselben Station war. Der so genannte Verteidiger hat zusammen mit dem Untersuchungsführer versucht, Geld von meinem Vater zu erpressen. Meine echte Verteidigerin von der Helsinki Gruppe konnte nicht arbeiten, sie wurde ständig gestört und nicht zu mir vorgelassen. Jetzt haben wir zahlreiche Klagen eingereicht und warten auf die Reaktion.

Es ist ja so, dass die Verfolgung unserer Aktion selbst schon eine Menschenrechtsverletzung ist. Der Untersuchungsführer Sergey Scheichet hat die schönen Worte gesagt, die ich gerne überall zitiere: „Du bist nicht in Deutschland, nicht in Europa. Niemand wird dir hier helfen“. Fast alle ukrainische Politiker sprechen von der Europaintegration als einem wichtigen Ziel. Es wird aber keine Integration geben, solange es in der Ukraine Menschen wie diesen Scheichets gibt.

Die Menschen im Gefängnis haben die wildesten Geschichten über die Milliz erzählt. Mindestens drei Leuten wurden Drogen untergeschoben. Geschlagen und gequält wurden fast alle, die kein Geständnis unterschreiben wollten. Einem Mann hat der Milizionär in Bein geschossen, nur um zu zeigen, wer hier die Macht hat.

Wie geht es weiter in deinem Fall? Was erwartest Du von dem Prozess und wann geht er los?

Ich erwarte eine vollständigen Freispruch. Eigentlich ist im ukrainischen Strafgesetz deutlich gesagt, dass politischer Protest nicht als Unfug oder Rowdytum bewertet werden darf. Wenn ukrainische Ultrarechte kommunistische Denkmale (die trotz der Ideologie einen kulturellen Wert unseres Landes darstellen) zerstören, wird das nicht als Rowdytum bewertet und diese Nazis werden freigesprochen. In meinem Fall habe ich gar nichts kaputt gemacht, niemand ist zu Schaden bekommen – und ich war noch nie zuvor angeklagt. Aus Sicht der Allgemeinheit bin ich nicht so nett wie ein Nazi, aber die Sache ist zu groß geworden, um die Argumente der Verteidigung zu ignorieren.

Eigentlich hat das Gericht schon anerkannt, dass der Untersuchungsführer grobe Gesetzesverletzungen betrieben hat. Die Sache muss weiter untersucht werden. Die Staatsanwaltschaft aber sich aber in das Appellationsgericht gewendet, um die Weiteruntersuchung nicht zu zulassen. Die Sitzung des Appellationsgerichts ist erst am 16. März.

Zensur ist überall auf der Welt ein Thema, das die Menschen bewegt. In fast allen Ländern wird versucht, das Internet und seine Inhalte stärker zu kontrollieren. Das hat zum Beispiel in Deutschland dazu geführt, dass eine große Bürgerrechtsbewegung entstanden ist, die sich gegen Vorratsdatenspeicherung und Zensur wendet. Welche Chancen siehst Du, dass sich diese Bewegungen weltweit vernetzen? Wie könnte so eine Vernetzung aussehen?

Natürlich ist eine solche internationale Vernetzung sehr sinnvoll. Man könnte Informationen und Erfahrungen miteinander austauschen und gemeinsame Strategien entwickeln.  Solidaritätsaktionen in verschiedenen Ländern sind auch immer wirksam. Solidarität ist die letzte Waffe, die uns geblieben ist. Verschiedene technische Lösungen, die Zensur effektiv bekämpfen können wie P2P-Netzwerke und Proxyserver sind nur mit internationaler Unterstützung möglich. Die Chancen einer solchen Bewegung bewerte ich ziemlich hoch, sie wird auf jeden Fall entstehen, wenn der Druck auf das Internet sich weiter verstärken wird. Wir können schon jetzt beginnen eine zusammen eine Basis dafür zu gründen, unser Organisationskomitee freut sich auf neue Kontakte.

Was können die Menschen hier machen, um Eure Bewegung für Bürgerrechte und freie Meinungsäußerung zu unterstützen?

Natürlich ist das Fakt, dass ihr über dieses Thema schreibt, schon eine große Hilfe für uns. Die Ukraine will europäisch sein, und wenn Europa deutlich zeigt, dass Zensur in der zivilisierten Gesellschaft nicht willkommen ist, wird es die Staatsmacht beeinflussen. Aufklärung über die  Situation ist am Wichtigsten. Weitere Solidaritätsaktionen wären wichtig. Auch Organisationsunterstützung wäre sinnvoll. Deutsche Aktivisten können sich hierbei auf eine längere Erfahrung stützen.

In der Ukraine wurde gerade gewählt. Was erwartest Du Dir vom neuen Präsidenten in Sachen Bürger- und Menschenrechte?

Eigentlich erwarte ich nicht viel von ihm persönlich. Der Präsident selbst wird sich mit dieser Frage kaum beschäftigen. Wenn es politisch genehm ist, werden sie die Menschenrechte beschützen, wenn es günstig sein wird, sie weiter zu unterdrücken, werden sie sie unterdrücken. Unsere Aufgabe ist es, den Politikern zu zeigen, dass Zensur für sie keinen Gewinn bringt und immer nur ein Verlust ist. Aber Machtwechsel bringen immer Änderungen, hoffentlich können wir diese Veränderungen zu unserem Vorteil nutzen.


Foto 1: http://vcrc.ukma.kiev.ua/uk/publications/revolution-and-sex
Foto 2: Logo der ukrainischen Vorratsdatenspeicherungsgegner
Foto 3: Michail Kamenjev

Oberverwaltungsgericht erlaubt Nazidemo in Dresden-Neustadt, Polizei sabotiert linke Busse

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Wie vermutet, überschlagen sich jetzt im Vorfeld des 13. Februar die Ereignisse.

Dresden-Nazifrei.com schreibt:

Das sächsische Oberverwaltungsgericht in Bautzen hat soeben entschieden, den Naziaufmarsch nach Dresden-Neustadt zu verlegen. Die Stadt Dresden scheitert damit erneut mit ihrer Begründung des polizeilichen Notstands für die Beschränkung der Nazidemo auf eine Kundgebung. Auftaktkundgebungsort für die Nazis ist der Schlesische Platz vor dem Bhf. Neustadt.

Das bedeutet für Gegendemonstrant_innen, dass sie sich mal vor allem diese Karte ausdrucken sollten. Der Aufmarschort ist aus politischen Gründen unerträglich, da von diesem Bahnhof aus, Menschen in KZs deportiert wurden. Eine Gedenkplatte erinnert an das Schicksal dieser Menschen.

Außerdem versucht die Polizei die Busse des Bündnisses “Dresden nazifrei” zu blockieren, das berichten mehrere linke Gruppen und die taz. Die Strategie der Nazihelfer in Grün sieht dabei so aus, dass sie im Vorfeld Busunternehmer anruft und ihnen erzählt, dass es zu gefährlich sei nach Dresden zu fahren. Als Begründung dienen herbeiphantasierte Krawalle mit denen die Polizei versucht, Menschen an ihrem Demonstrationsrecht zu hindern.

Als wäre das nicht genug, wird vermutet, dass die Staatsbüttel die Busse bei der Anreise in langwierige Kontrollen zu verwickeln versuchen. Hierfür hat die Polizei nach Angaben der taz bis zu 2500 (!) Beamte abgestellt. Auch hier wird wohl versucht werden, das Demonstrationrecht gezielt und strategisch auszuhebeln. Die Rechnung der Polizei ist einfach: jeder Bus, der schon auf der Autobahn abgefangen wird, bedeutet weniger Teilnehmer auf der Gegendemo.

Informiert Euch auf www.dresden-nazifrei.com über die aktuellsten Entwicklungen.

Foto: CC-BY-NC-ND Andy Cummingham

Interview mit Lena Roth vom Bündnis “Dresden stellt sich quer” zu den Polizeirazzien und dem Protest am 13. Februar

plakat_dresden.jpgGestern fanden in Berlin und Sachsen Durchsuchungen gegen linke und antifaschistische Einrichtungen statt, die die Proteste gegen den Naziaufmarsch am 13.02.2010 in Dresden unterstützen. Dabei wurde der Antifa-Laden “Red Stuff” in Berlin-Kreuzberg und das Infobüro in der Landesgeschäftsstelle der LINKEN in Dresden durchsucht. In Berlin wurden sämtliche Mobilisierungsmaterialien beschlagnahmt, die zu den Protesten gegen den größten europäischen Naziaufmarsch aufrufen. Begründet wird dies im Durchsuchungsbeschluss damit, dass das Aufrufen zu zivilem Ungehorsam und Blockaden ein öffentlicher Aufruf zu Straftaten sei. Das bundesweite Bündnis “Dresden Nazifrei!”, das zu den Blockaden aufruft, wird mittlerweile von über 300 Organisationen und Gruppen sowie über 1100 Einzelpersonen unterstützt. Wir sprachen mit Lena Roth vom Bündnis „Nazifrei! Dresden stellt sich quer“ zu den gestrigen Vorfällen.

Gestern wurden in Berlin und Sachsen linke und antifaschistische Einrichtungen wegen des Aufrufes zu den Protesten am 13. Februar durchsucht sowie Computer und Plakate beschlagnahmt. Welche Absicht vermutest Du hinter diesen Razzien?

Lena Roth: Begründet wurden die heutigen Durchsuchungen und die Beschlagnahmungen mit dem Vorwurf Aufruf zu Straftaten. Dabei wird sich auf unsere Mobilisierungsmaterialien wie Plakate und Flyer bezogen welche unter anderem mit der Überschrift titeln „Gemeinsam Blockieren“. Wir sehen Blockaden als legitimes Mittel an um sich Nazis und ihrer menschenverachtenden Ideologie in den Weg zu stellen.


Das Bündnis “Nazifrei! Dresden stellt sich quer” besteht aus mehr als 230 300 Organisationen und 800 1100 Einzelpersonen – gibt es schon Reaktionen von den Bündnispartnern auf die Ereignisse von gestern?

Lena Roth: Ja, es gab sogar sehr viele Reaktionen. Zum Beispiel haben Politikerinnen wie die Bundesvorsitzende der Grünen, Claudia Roth (MdB) und Katja Kipping, DIE LINKE MdB, sich empört über diese Maßnahmen der Dresdner Staatanwaltschaft gezeigt. Der Bundesgeschäftsführer der Linken Dietmar Bartsch sprach von einer Kriminalisierung linker Gegenproteste. Viele begegnen den heutigen Durchsuchungen mit Entsetzen und Unverständnis und vor allem mit einem „jetzt erst recht“!

Welche Auswirkungen wird die Repression auf den Protest haben?

Lena Roth: In mehreren Geschäftsstellen und Büros der Linkspartei wurden die „Nazifrei! Dresden stellt sich quer – gemeinsam blockieren“ Plakate aufgehangen. Das ist beispielsweise eine der Auswirkungen dieser Hausdurchsuchungen. Einen Versuch einer Kriminalisierung breiter zivilgesellschaftlicher Proteste begegnen wir, in dem wir weiterhin unser Konzept der Massenblockaden transparent und offen für alle gestalten. Wir werden an diesem Tag mit Menschenblockaden den Aufmarsch der Nazis verhindern. Bei dieser Form des zivilen Ungehorsams gibt es einen klaren Aktionskonsens; Es wir von uns dabei keine Eskalation ausgehen und wir sind dabei solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel, die Nazis zu stoppen, teilen und dem Naziaufmarsch in Sicht- und Hörweite entgegen treten wollen. Wir können nicht weiter hinnehmen, dass jedes Jahr tausende Nazis ungehindert durch Dresden marschieren und antifaschistischer Protest angegriffen wird.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg am 13. Februar.

Dänemark verabschiedet sich von der Demokratie

In Dänemark zeigt sich, was passiert, wenn ein Staat sich zum präventiven Polizeistaat wandelt: auf den Klimaprotesten wurden in der größten Festnahme-Aktion des Landesmehr als 1240 Menschen präventiv festgenommen, nur gegen 21 lagen Verdachtsmomente vor. Die Leute – unter ihnen Nonnen, Hare-Krishnas, Kinder und Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung – mussten stundenlang gefesselt in der Kälte sitzen, ihnen wurde ihr Demonstrationsrecht verweigert – nur weil sie gegen die vorherrschende Klimapolitik protestieren wollten. Wie lange kann man so einen Staat noch Demokratie nennen?