Tag Archiv für 'Überwachung'

Berlin: Tagung zu digitalen Schnüffelwerkzeugen

Am 4. Februar gibt es eine spannende Tagung zu “Sozialen Bewegungen im digitalen Tsunami”, die sich vor allem mit den polizeilichen Repressionsmitteln und Gegenstrategien zu diesen beschäftigt. Themen sind u.a. Funkzellenauswertungen in Sachsen, Echtzeit-Beobachtungen von Demonstranten im Iran, Deep Packet Inspektion, Data-Mining und polizeiliche Auswertungen in sozialen Netzwerken.

In der Pressemitteilung der Veranstaltung heißt es:

Vor fünf Jahren organisierten sich europäische Innenminister unter Rädelsführerschaft der deutschen EU-Präsidentschaft in einer sogenannten „Future Group“, um auf die Weichenstellungen für die Polizeiarbeit der Zukunft Einfluss zu nehmen. Schon damals wurde von „gewaltigen Informationsmengen, die für öffentliche Sicherheitsorganisationen nützlich sein können“ orakelt: Der erwartete „digitale Tsunami“ würde demnach verheißen, Milliarden elektronischer Geräte in Echtzeit zu verfolgen und Verhaltensmuster ihrer NutzerInnen analysieren zu können. Inzwischen wird diese digitale Aufrüstung zunehmend spürbar und erreicht auch Soziale Bewegungen. Denn die neuen kriminaltechnischen Werkzeuge finden in den behördlichen Beschaffungsabteilungen begeisterte Abnehmer. Die Aufstände in nordafrikanischen und arabischen Ländern zeigen, dass die Produkte der neuen Generation skrupellos auch an autoritäre Regierungen verkauft werden.

Ihr zunehmender Einsatz bewegt sich auch in Europa oftmals in einer rechtlichen Grauzone: Die Anwendungen liegen quer zur gegenwärtigen Gesetzgebung.

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Nazi-Verbunddatei: Auch die Erfassung von Nazis ist ein Angriff auf die Bürgerrechte

Jetzt ist sie also da, die neue “Verbunddatei Rechtsextremismus”. Polizeibehörden, Verfassungsschutzämter von Bund und Ländern und auch der militärische Abschirmdienst sollen diese Datei füttern mit “gewalttätigen” und “gewaltbezogenen” Personen. Gleichzeitig haben diese Stellen auch Zugriff auf die neue Datei.

Mal abgesehen davon, dass die Datei die einzige Konsequenz aus den Nazi-Morden der NSU und der staatlichen Verstrickung in diese ist, sind solche Dateien aus bürgerrechtlicher Sicht gleich mehrfach schwierig. Erstens heben sie schleichend das Trennungsgebot zwischen Geheimdiensten und Polizeien auf, zweitens geraten immer auch Menschen in die Datei, die nie eine Straftat begangen haben.

Aus bürgerrechtlicher Sicht ist mir erst einmal egal, gegen wen sich so eine Datei oder Dateiverbund richtet. Denn was gegen “Rechts” geht, kann auch ganz schnell gegen “Links” eingeführt werden. Ein Beispiel für so eine Ausweitung von Dateien ist die so genannte BKA-Hooligandatei (Datei “Gewalttäter Sport”), die nach der Weltmeisterschaft 1998 eingeführt wurde. Nur kurze Zeit später wurde die Datei um die Kategorien Limo (“Linksmotivierte Gewalttäter”), Remo (“Rechtsmotivierte Gewalttäter”) und Aumo (“Politische Ausländerkriminalität”) ergänzt. Diese Dateien stehen jedem Polizisten zu jeder Zeit zur Verfügung.

Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden wie auch Geheimdienste sind immer an einer großen Datenfülle wie auch an einer großen Anzahl von Einträgen interessiert. Das kritisierte auch schon der ehemalige Datenschutzbeauftragte, Joachim Jacob:

“Da wird der Wunsch deutlich, möglichst viele Informationen zu haben und den Bogen der Verdächtigen möglichst weit zu spannen.”

Ein Beispiel aus dem Bekanntenkreis zeigt, wie einfach man zum “linksmotivierten Gewalttäter” werden kann – ohne jemals Gewalt ausgeübt zu haben:
Als 16-jähriger beteiligte sich Lisa* (Name geändert) an einer Gegendemonstration gegen die NPD irgendwo in Hessen. Bei dieser Demo geriet Lisa irgendwann in eine Personenkontrolle. Wenig später wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und versuchter Gefangenenbefreiung gegen sie eröffnet. Im späteren Gerichtsverfahren sprach sie der Richter jedoch frei. Der Anwalt von Lisa verlangte eine Löschung der Daten, da seine Mandantan augenscheinlich und durch ein Gericht bestätigt unschuldig war. Dennoch geriet Lisa in die Datei “Linksmotivierte Gewalttäter” – und ist dort bis heute gespeichert. Bei jeder Ausweiskontrolle, ob nun mit Bezug zu einer Demo oder ohne, zieht dieser Eintrag weitere Kontrollen und Schikanen nach sich. Auch zehn Jahre später muss Lisa mit einer Vorverurteilung und diskriminierende Behandlung durch Polizeibeamte rechnen. Und das nur, weil sie als Jugendliche auf einer Demo aufgegriffen wurde.

Solche Fälle gibt es tausendfach. Die nun bei der Nazi-Datei getroffene Definition, neben “gewalttätigen” auch “gewaltbezogene” Personen aufzunehmen, öffnet dieser Praxis Haus und Hof. Der Unterscheid zwischen “gewaltbezogen” und der ursprünglich von Innenminister Friedrich geforderten Erfassung “gewaltbereiter” Personen erschließt sich nicht.

Thomas Stadler schreibt deswegen treffend:

Nun ist der Begriff der gewaltbezogenen Personen bislang allerdings weder geläufig, noch erschließt sich seine Bedeutung ohne weiteres. Personen die einen Bezug zur Gewalt haben? Das wäre womöglich aber noch weiter als gewaltbereit.

Weil man sich nicht einigen konnte, hat man offenbar einen unbestimmten Rechtsbegriff durch einen anderen, weniger geläufigen ersetzt und überlässt die Auslegung zunächst den speichernden Polizeibehörden und irgendwann natürlich den Gerichten, sollte jemand gegen seine Aufnahme in die Datei klagen. Damit wird wohl in der Praxis aber zunächst genau das passieren, was das Justizministerium vermeiden wollte, nämlich, dass nicht nur gewalttätige Personen erfasst werden, sondern alle, bei denen man meint, irgendeinen Gewaltbezug erkennen zu können.

Es geht mir nicht darum, irgendwelche Nazis vor Strafverfolgung zu schützen. Im Gegenteil. Nur halte ich eine Ausweitung der Befugnisse von Geheimdiensten und Polizeien für die falsche Reaktion. Gerade im Fall der NSU-Morde sind es die Geheimdienste, die eine noch nicht aufgeklärte und zwielichtige Rolle gespielt haben. Der Thüringer Verfassungsschutz hatte Kenntnis und Kontakt zur rechten Terrorgruppierung und unterstützte diese direkt mittels V-Männern und Kohle. Hierfür ist noch kein Verantwortlicher in Behörden und Politik zur Rechenschaft gezogen worden.

Stattdessen werden Datenschutz sowie Grund- und Freiheitsrechte mit immer neuen Maßnahmen ausgehöhlt. Es ist doch nur eine Frage der Zeit bis findige Politiker in ihrer unsäglichen Gleichsetzung von “Rechts- und Linksextremismus” eine “Verbunddatei Linksextremismus” fordern. In diesem Sinne ist auch die weitere Erfassung von Nazis ein Angriff auf unsere individuelle Freiheit. Ob man das nun wahrhaben möchte oder nicht.

Foto/Symbolbild: CC-BY-NC-SA shindoverse

Projekte: Die Überwacher überwachen


Die traditionell heimlich operierende Überwachungsbranche wird immer mehr durchleuchtet. Zwei Webseiten sind in letzter Zeit aufgepoppt, die die Aktivitäten von Firmen, die Überwachungstechnologien produzieren, unter die Lupe nehmen:

- Spyfiles.org
- Buggedplanet.info

Während Spyfiles vor allem auf Visualisierung auf Grundlage von geleakten Firmenpräsentationen setzt, hat sich BuggedPlanet zum Ziel gesetzt, in einem Wiki Informationen zusammenzutragen. (Hierzu gibt es auch einen Vortrag von Andy Müller-Maguhn)

Welches Land setzt welche Technologie ein? Wer exportiert in autoritäre Staaten? Wo ist der Firmensitz der Überwachungsfirma XY? Die Webseiten bieten gute Grundlagen und einen Überblick über die Repressionstechnologien – und Ansatzpunkte für Aktivismus gegen die Branche.

Leichtathletik-WM: Akkreditierungsverfahren rechtswidrig

Berlins Datenschützer hat die umfassende Sicherheitsüberprüfung (Polizei, VS, BND) von Journalisten bei der Leichtathletik-WM als rechtswidrig bezeichnet. Die Überprüfung sei nicht wirklich freiwillig und es fehle eine klare gesetzliche Grundlage, sagte Dix gegenüber Heise.de.

Das Gutachten des CCC zur Vorratsdatenspeicherung ist da

Wer sich noch einmal die weitreichenden Folgen der Vorratsdatenspeicherung vor Augen führen will, dem sei diese Presserklärung und das Gutachten des Chaos Computer Clubs ans Herz gelegt (hier als PDF). Der CCC hat das Gutachten für das Bundesverfassungsgericht erstellt.

Denunziation – the easy way!

Die Engländer sind ja bekannt für ein hohes Maß an Überwachung. Die neue Kampagne der British Transport Police stellt aber alles bisher dagewesene in den Schatten:
trashcans.jpg
Mehr Bilder, nach dem Klick. Weiterlesen ‘Denunziation – the easy way!’

Paranoia-Regierung jetzt auch gegen Kinder

Die CDU will zusammen mit der SPD dem Verfassungsschutz erlauben auch gegen Minderjährige zu ermitteln und Daten zu erheben. Die Paranoiker in der Bundesregierung erwarten wahrscheinlich einen Kinderterrorkreuzzug, weswegen sie das Gesetz noch vor der Sommerpause durchpeitschen wollen.

Grundgesetz wegballer, Teil 4096

Und noch so ein Wischi-Waschi-Gesetz >>> Artikel in der Süddeutschen

USA: Vor der Reise bitte anmelden

Eine interessante Zusammenstellung über das neu eingeführte “Electronic System for Travel Authorization” (ESTA) gibt es bei Ravenhorst. Ab jetzt müssen alle USA-Reisen vorher angemeldet werden. Als würden die sonst erhobenen Daten – vom Fingerabdruck bis zur Menüwahl im Flugzeug – nicht ausreichen.

Vorratsdatenspeicherung wird massiv genutzt

Golem berichtet, dass die Daten aus der Vorratsdatenspeicherung alleine zwischen Mai und Juli 2008 etwa 2.200 Mal in Ermittlungen genutzt wurden. Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP geht natürlich nicht hervor, ob der Einsatz der Daten und der Grundrechtseingriff zum Ermittlungserfolg geführt hat.