Wikipedia-Streit: Jetzt Bündnis für eine offene Enzyklopädie gründen

Die Wikipedia ist nicht mehr das, was sie einmal war. Wir sind traurig wie die Sache gerade läuft. Nachschlagenswertes Wissen wird gelöscht, neuen Artikeln kaum eine Chance gegeben. Menschen, die mitarbeiten wollen, werden abgewiesen. Darüber hinaus haben sich in der deutschen Wikipedia Umgangsformen entwickelt, die dem Projekt des Weltwissens diametral entgegenstehen. Es gibt viele Menschen, die es anders machen wollen.

Deshalb ist jetzt an der Zeit zu handeln.

Dazu braucht es ein schlagkräftiges “Bündnis für eine offene Enzyklopädie” – oder wie die Initiative auch immer heißen soll. Wir wollen ein Bündnis, in dem Blogger und frustrierte Wikipedianer zusammenarbeiten. Ein Bündnis, das Programmierer, Interessierte und Neulinge zusammenbringt. Wir brauchen Promis, die uns unterstützen und Menschen, die Öffentlichkeitsarbeit machen. Wir brauchen Männer und Frauen mit Spezialwissen. Wir brauchen Historiker. Studierte und solche, die es als Hobby betreiben.

Wir wollen Professoren im Bündnis. Und Handwerksmeister. Sportler und Ingenieure. Chemiker, Physiker und Automechaniker. Wir brauchen sogar Oberlehrer, aber wir sollten ergebnisoffen diskutieren, was wir wollen. Und handeln, wenn es angebracht ist. Wir sollten gute Werbung machen, vielleicht die bestehende Wikipedia verändern – oder etwas ganz Neues schaffen. Wir sollten integrieren und nicht ausschließen. Wir brauchen erfahrene Menschen und die Neugier von Anfängern. Wir brauchen Blogger, Server und tragfähige Strukturen. Wir brauchen Zeit. Wir wollen neues auf die Beine stellen und das Gute im Alten nutzen. Wir wollen eine kleine Revolution des Wissens anzetteln.

Wir sollten viele werden, produktiv arbeiten und eine Kultur der Kollaboration etablieren. Wir müssen diskutieren, wie wir mit belanglosen Artikeln und PR-Spam umgehen. Wir müssen uns mit Vandalen aller Art rumschlagen. Wir sollten Räume schaffen, nicht nur virtuell, sondern auch im echten Leben. Wir sollten allen eine Heimat geben, denen das Wissen der Welt am Herzen liegt. Wir sollten Mut machen und auch mal auf die Schnauze fallen. Aus Fehlern lernen und mit der Wikipedia zusammenarbeiten. Wir können sie verändern oder links liegen lassen. Wir wollen harte Diskussionen, die fair geführt werden.

Wir wollen Nischenwissen und Mainstream-Artikel. Wir wollen Offenheit und Transparenz. Wir wollen das Mitmachen fördern und Kräfte bündeln. Vielleicht werden wir Forks programmieren oder gar eine neue, offene, freundliche Enzyklopädie aufmachen. Egal, was sich aus dem Bündnis ergeben soll: dazu müssen wir uns organisieren. Wir sollten uns verbünden. Hier und jetzt. Ohne Scheuklappen, mit Mut und voller Hoffnung. Wir sollten etwas tun, um das Projekt Weltwissen voranzutreiben. Ob mit der Wikipedia zusammen oder alleine. Das Wissen der Menschheit ist zu wertvoll um nicht gesammelt und gemeinsam ausgebaut zu werden.

Das sind viele große pathetische Worte – wer macht mit?
Wo treffen wir uns?
Wann?
Und wie geht es weiter?

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

11 Kommentare

  1. Scytale says:

    So ein paar Ideen, wie es weitergehen sollte, hab ich auch. Ich werd das jetzt nicht alles hier anführen, weil es dort nämlich bereits steht:

    http://scytale.name/blog/2009/11/jedem-seine-wikipedia

    (Achtung, viel visionäres Geschwurbel mit techniklastigen Anwandlungen. Aber vielleicht ganz hilfreich.)

  2. Torsten says:

    Irgendwie herrscht die Überzeugung man müsse unbedingt gegen die Wikipedia arbeiten. Dabei wäre es mal ganz erfrischend, wenn sich doie Leute auf die vielen positiven Programme stürzen würden wie die Redaktionen, die Initiativen, die Artikel zu jedem Abgeordneten erstellen, das Mentorenprogramm.

    Oder ein ganz besonderer Leckerbissen: der Wartungsbausteinwettbewerb. Klingt nicht sexy? Ist es auch nicht. Denn ein paar Teams treten gegeneinander an um mangelhafte Artikel zu verbessern: Quellen nachtragen, Bilder einbauen, gar neue Bilder hochladen. Für jede Aktion gibts Punkte. Wer am meisten Punkte hat, hat gewonnen. Übermorgen fängt der nächste Wettbewerb an:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProjekt_Bearbeitungsbausteine/Wettbewerb

  3. Mnementh says:

    Auf der Seite http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Themendiskussion/Zukunft_der_Wikipedia_II gibt es eine Debatte zur internen Reformierung der Wikipedia. Selbst wenn dieses Projekt scheitert lassen sich da vielleicht Anregungen und Lehren für Deine offene Enzyklopädie draus ziehen.

  4. Anonymer Wikipedianer says:

    Ich denke, dass ein mit der Wikipedia konkurrierender Fork das Beste wäre. Sowohl für die Welt als auch für die Wikipedia selber. Wenn es nämlich eine Konkurrenz zur Wikipedia gäbe und mehr und mehr Autoren von der Wikipedia zum Fork wechseln würden, würde der interne Druck auf die Wikipedia-Hardliner schnell wachsen und es würden sich bald wieder normalere Verhaltensweisen wie in anderen Online-Communities durchsetzen.

    Es ist ja nicht so, wie es von den Bloggern um Fefe und Mogis jetzt dargestellt wird, dass es innerhalb der Wikipedia keine Kritik an vielen Fehlentwicklungen gäbe und alle 7000 aktiven Wikipedianer die Adminschaft vorbehaltlos unterstützen würden. Nur genügen die 20 oder 30 Prozent Oppositionellen noch nicht, um eine Wende zu schaffen. Die kann erst kommen, wenn entweder genügend Vernünftige in die Wikipedia eintreten und so eine Mehrheit erzeugen oder der Verlust der Wikipedia durch “Republikflüchtlinge” zum Fork für sie zum Problem wird.

    Das Wesentliche, was für einen Fork fehlt, sind zunächst einmal nicht die Autoren, sondern vor allem die finanziellen Ressourcen für Server usw. Wer die hat, kann zunächst einmal mit einer statischen Kopie der gesamten Wikipedia im jetzigen Zustand anfangen, denn die Inhalte der Wikipedia sind ja nahezu alle frei verfügbar, wenn man die Autoren nennt.

  5. Ich finde es schon einmal gut, dass jetzt richtig diskutiert wird. Dass die Problematik thematisiert wird. Dass auch Mainstream-Medien berichten, wie gerade die DPA. Dass ein Problembewusstsein entsteht – in und außerhalb der Wikipedia. Bei allem wüsten Beschimpfungen, die gerade laufen, gibt es eben doch auch viele Gemeinsamkeiten der Nutzerinnen und Nutzer. Hier müssen wir ansetzen, wie “Anonymer Wikipedianer” sagt.

  6. Mnementh says:

    Zum Fork: Ich fände es gar nicht schlecht, wenn ein Fork basierend auf Levitation mit dem aktuellen de-Wikipedia-Dump gemacht wird. Wie der anonyme Wikipedianer sagt, hat das auch Einfluss auf die internen Prozesse in der WIkipedia. Technisch sehe ich mich außerstande, da ich den Levitation-Kram nicht durchschaue. Also wenn Scytale als Programmierer als technischer Berater dabei wäre, Metronaut das betreibt, dann würde ich durchaus etwas dafür spenden (und sicher so manche anderen auch). Zudem würde ich meine Erfahrung als langjähriger Wikipedianer einbringen. Ich bin gespannt auf so ein Projekt.

  7. Anonymer Wikipedianer says:

    Scytales Idee ist immerhin schon in der Wikipedia angekommen. Jetzt auch in der englischen (letzter Absatz). In der deutschen liegt es allerdings schon wieder tief unten im Archiv.

  8. Laurent says:

    Ich finde den Ansatz des dezentralen Wikis gut. Fefe und andere haben ja schon git, ein dezentrales Versionierungssystem erwähnt.

    Die Daten sind über eine Vielzahl von Systemen verteilt, der Auftritt ist einheitlich. Die Qualität der Beiträge muß natürlich irgendwie bewertet oder überprüft werden damit es nicht wie bei indymedia läuft wo ein paar gute Beiträge in einem Haufen von Schrott versinken. Vielleicht kann das über Qualitätssiegel passieren. Die Datenbanken unterstützen mehrere offene Formate (zB. rdf) mit denen man Inhalte direkt in eigenen Websiten oder sonstigen Systemen weiter verwenden kann.

  9. Danke, für die Rückmeldungen. Ich denke, dass gerade ja schon eine gute Diskussion läuft und Wikimedia/Wikipedia (ich verstehe die Abgrenzungen nicht zu 100%) sich eventuell langsam schon bewusst wird, dass etwas passieren muss.

    Metronaut wird sicherlich nicht alleine einen Fork betreiben können, ich dachte bei meinem Aufruf auch eher erstmal ans Verbünden, weil ich das Gefühl habe, dass gerade sehr viele Menschen irgendetwas machen wollen, die ganze Sache aber nicht kanalisiert wird.

    Bisher bündelt sich das meines Erachtens alles beim CCC, dort ist es nicht schlecht aufgehoben, dennoch sollte man sehen, dass die Leute an einen Tisch kommen. In diesem Sinne war auch der Beitrag/Aufruf gemeint.

    Falls sich also etwas tut, bin ich gerne dabei!

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