ver.di – Mein Austrittsschreiben

ver.di
Geschäftsstelle Berlin
Köpenicker Straße 30
10179 Berlin

Kündigung meiner Mitgliedschaft wegen Mitwirkung von ver.di an der Pressekonferenz “Diebstahl geistigen Eigentums im Netz: 5 vor 12 für die Kreativwirtschaft”

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit Erschrecken musste ich feststellen, dass ver.di in Zusammenarbeit mit den Spitzenorganisationen der Buch-, Film-, Musik- und TV-Branche unter dem Motto »Diebstahl geistigen Eigentums im Netz: 5 vor 12 für die Kreativwirtschaft« zu einer Pressekonferenz einlädt.

Als langjähriges Mitglied von ver.di, Journalist, Blogger und Kreativschaffender bin ich erstaunt darüber, dass meine Gewerkschaft bis heute kein zukunftsfähiges Konzept für die digitale Gesellschaft erarbeitet hat und stattdessen mit den Dinosauriern der Verwertungs- und Urheberrechte kooperiert. Ihre neuen Bündnispartner stehen den Anforderungen eines modernen Urheberrechtes und der digitalen Gesellschaft nicht nur diametral entgegen, sondern verfolgen eine Strategie, die Millionen von Menschen kriminalisiert. Ihre neuen Bündnispartner betreiben eine bürgerrechtsfeindliche Politik und tragen diese mit massivem Lobbying in die Politik hinein. Ihre neuen Bündnispartner wollen das Internet zu einem Platz machen, in dem Freiheit nichts mehr zählt. Ihre neuen Bündnispartner sprechen sich nicht nur für Internetsperren bei Copyrightverstößen aus, sondern fordern ein Strafsystem, bei dem Urheberrechtsverletzer schrittweise aus der digitalen Welt ausgeschlossen werden. Man kann das digitale Todesstrafe nennen, 3-Strikes oder euphemistisch „abgestufte Erwiderung“. Ihre neuen Bündnispartner befördern eine weitere Kontrolle des Netzes, sie befürworten Deep Packet Inspection und nehmen in Kauf, dass die Errungenschaften des Internets, wie freie Kommunikation und eine Kultur des kreativen Austausches, der Zusammenarbeit und Kooperation für schnöde Konzerngewinne geopfert werden.

Ich möchte nicht Teil einer Gewerkschaft sein, die mit solchen Organisationen zusammenarbeitet. Ich will nicht, dass meine Gewerkschaft mit wissenschaftlich fragwürdigen Studien argumentiert und Grundrechte kaputtschlägt. Ich will eine solche rückwärtsgewandte Politik nicht auch noch mit meinem Lohn bezahlen.

Hiermit trete ich mit sofortiger Wirkung bei ver.di aus und widerrufe die Einzugsermächtigung für meine Monatsbeiträge. Bitte bestätigen Sie mir den Austritt schriftlich und löschen mich dann aus Ihrer Datenbank.

Viele Grüße

John F. Nebel

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

21 Kommentare

  1. datenkind says:

    Das ist super! Darf man das in Teilen für den eigenen Austritt übernehmen?

  2. Wetterpirat says:

    Respekt, die absolut richtige Entscheidung!

  3. Tomalak says:

    Bravo!!

  4. Binco says:

    Wenn ich dort Mitglied wäre, würd ich das genauso machen. Großes Lob…

  5. Hr. Lich says:

    Hmm, ich überlege ob es sinnvoll ist einzutreten nur um wieder austreten zu können… ;)

  6. mohrekopp says:

    Ich wollte nach Ende meiner Ausbildung (in 2 Monaten) der Ver.di beitreten. Das hat sich jetzt erledigt. Danke, dass ihr euch vorher schon geoutet habt!

  7. tri says:

    Super Sache, man kann und sollte denen auch schreiben warum man sich entschieden hat nun doch nicht bei ver.di einzutreten.

  8. Helgo Ollmann says:

    Austreten ist kein gutes Mittel, seinen Protest zu artikulieren.
    Du überlässt anderen das Feld, statt für neue Positionen in ver.di zu streiten.

    Und dass ver.di kein Konzept für die “digitale Gesellschaft” hat, stimmt so auch nicht.
    Siehe u.a. http://governet.de/alotta/user/governet.de/img/000/003/3490.pdf
    “2. Wissen teilen, Wissen mehren!
    Bildung und Zugang zu Wissen sind Grundrechte von zunehmender Bedeutung. Neue Technologien haben Zugang und Austausch von Informationen und Wissen grundlegend erleichtert. (…) Demokratische Teilhabe am öffentlichen Geschehen ist auf offenen Zugang zu Wissensbeständen angewiesen.”

    Diese Position ist von Ende 2008.

  9. John F. Nebel says:

    @ Datenkind: Du kannst gerne Teile dieses Schreibens verwenden.

    @Helgo Ollmann: Klar, dass man mit einem Austritt die Mitwirkungsmöglichkeiten in der Gewerkschaft verliert. Aber ein Audtritt – und dazu noch öffentlich gemacht – ist ein drastischer Schritt. Wenn viele das machen, könnte sich doch etwas ändern.

    Die von Dir verlinkte Position hat sich aber nicht gegen die Hardliner durchgesetzt. Das, was ver.di gerade macht, ist das Gegenteil der schönen Worte aus dem Text.

  10. Helgo Ollmann says:

    Ob sich drastisch was ändert, wenn viele, die für eine freie und demokratische Informationsgesellschaft eintreten, aus den Gewekschaften austreten, bezweifel ich erheblich.

    Sinnvoller fände ich es, gegen die jetzige Position von ver.di, die ja wie du richtig schreibst, sich von früheren drastisch unterscheidet, mit vielen Kolleginnen und Kollegen eine Mehrheit in unserer Gewerkschaft zu erstreiten.

  11. Average Jo says:

    Eine Gewerkschaft die selber Leiharbeiter einsetzt, hat doch eh ihre Daseinsberechtigung verloren.

  12. ho says:

    geht es auch eine nummer kleiner? “digitale todesstrafe” “dinosaurier” etc etc. die dinosaurier leben, von der nyt bis zur sz, und liefern nach wie vor journalismus, den die jeweiligen online-ableger so nicht bieten können. eine gewerkschaft ist nie vorhut: weder die der arbeiterklasse (das käme eher der ig metall zu) noch derer, die berechtigterweise die fragen des urheberrechts diskutieren. dass eine gewerkschaft sich bündnisparter sucht, ist unter diesen umständen an sich nicht verwerflich. dass es bei den völlig unterschiedlichen urheberrechts-sytemen zwischen den angelsächsischen ländern und den zentraleuropäischen, allen voran die bundesrepublik, dann doch gemeinsamkeiten gibt, ist doch nur in unserem urheber-interesse. wollen wir als urheber unsere rechte (und damit honorare) sichern, dann müssen wir auch mit den verwertern (fallweise) zusammenarbeiten. gäbe es ein www in dem wir urheber unsere artikel/filme/musik einander zur verfügung stellten, wäre das wunderbar. dass dies bei einem multi-milliarden-geschäft nur ein frommer wusch sein kann, versteht sich von selbst. also: unterstützen wir diejenigen, die sich für unsere interessen einsetzen, wenngleich wir über diese art der unterstützung natürlich diskutieren müssen, statt beleidigt das geschäft den anderen zu überlassen.

  13. Ralf says:

    Die Zusammenarbeit mit der sog. “Creative Coalition Campaign” ist schon ein dicker Hund; hier wird die Führung auf jeden Fall einiges zu erklären haben. Das hat sie bereits auf der selbst-freie Mailingliste sehr deutlich zu spüren bekommen.

    Einen Austritt in erster Konsequenz halte ich trotzdem für falsch. Erst einmal würde ich die Pressekonferenz abwarten. Und danach wird es genug Feuer unter dem Hintern der Führung geben, daß man danach getrost abwarten kann, wie sie reagiert. Wenn sich danach wirklich nichts bewegt – und als Mitglied kann und werde ich da Anfragen und Anträge stellen – ist ein Austritt als letzte Konsequenz sicher gerechtfertigt. Vor der eigentlichen Konferenz am Montag halte ich ihn jedenfalls für überzogen.

    Gruß,
    Ralf

  14. Lieber John F. Nebel,

    als Landesvorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) Berlin-Brandenburg in ver.di bedaure ich Deinen Austritt sehr. Es war ein sehr einsamer ver.di-Bereichsleiter, der durch sein eigenmächtiges, unglückliches Auftreten den Eindruck erweckt hat, ver.di schmiede ein Bündnis mit den Verwertern von Urheberrechten und befürworte Internet-Zensur. Wir machen keine gemeinsame Sache mit Konzernen und Verbänden, die die Bürgerrechte im Internet einschränken wollen, die zudem auf der anderen Seite den Urhebern immer weniger zahlen! So ist der Abschluss allgemein verbindlicher gemeinsamer Vergütungsregeln für Belletristik-Autoren nur ohne die Mitwirkung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zustandegekommen. Der ver.di-Mitarbeiter spricht für sich selbst, zumindest nicht für die dju Berlin-Brandenburg.

    Ver.di und die dju sind vielmehr aktive Unterstützer des AK Vorratsdatenspeicherung und der Verfassungsbeschwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung. Als Gewerkschafter ist es uns gelungen, gemeinsame Vergütungsregeln für freie hauptberufliche Journalisten an Tageszeitungen abzuschließen. Und wir kämpfen für weitere Abschlüsse, dass alle Urheber gemäß dem Urheberrecht angemessen vergütet werden.

    Zum Schluss eine Bitte: Warte doch den Ausgang der Pressekonferenz am 26. April ab, bevor Du zu einem abschließenden Urteil über uns kommst. Gerne bin ich zu einem persönlichen Gespräch mit Dir bereit.

    Kollegiale Grüße von Matthias Gottwald
    Landesvorsitzender dju Berlin-Brandenburg

  15. Fritten says:

    ver.dient. Danke für diesen Beitrag.

  16. John F. Nebel says:

    Lieber Matthias Gottwald,

    vielen Dank für Deinen Kommentar hier. Ich sehe wie Du, dass Journalisten (ob frei oder fest) besser bezahlt werden müssen. Es kann nicht angehen, dass Journalisten gegenüber Verlagen immer mehr Nutungsrechte abtreten müssen wie es jüngst bei der ZEIT versucht wird. (http://carta.info/26044/freischreiber-aktion-11-inakzeptable-punkte-der-neuen-zeit-vertraege/) Ich bin hier für eine ordentliche Entlohnung. Denn wo Geld mit den Werken von Autoren gemacht wird, da müssen diese auch beteiligt werden.

    Doch die Initiative von ver.di, mag sie nur aus einsamen Entscheidungen einzelner Personen entstanden sein, hat doch eine andere Stoßrichtung als die angemessene Vergütung von Journalisten und Autoren.

    Das zeigt schon der Titel der Pressekonferenz, der die “Diebe im Netz” als Gegner ausmacht. Hier geht es nicht um Löhne, sondern um die Kriminalisierung von Millionen Menschen, die wirklich keinen Profit mit ihren kleinen Urheberrechtsberletzungen machen. Mir gefällt der ganze Duktus nicht, mir stößt es bitter auf, wenn verd.di mit Dieter Gorny zusammen eine Pressekonferenz macht. Dieser Mann unterstützt das massenhafte Klagen gegen Urheberrechtsverletzungen (das ja mittlerweile zum Geschäftsmodell geworden ist) und hat sich für eine 3-Strikes-Regelung nach französischem (HADOPI) und englischen Vorbild ausgesprochen.

    Da bleibt einem nichts anderes übrig als festzustellen, dass hier ein Bündnis am Entstehen ist, das nichts mit einem zukunftstauglichen Urheberrecht zu tun hat. Das tut der DJU und ver.di mit Sicherheit nicht gut. Der Imageschaden ist ja jetzt schon sehr groß.

    Ich werde, falls ich irgendwie frei bekomme, bei der Pressekonferenz vor Ort sein. Vielleicht finden sich noch mehr Leute, die diese PK kritisch begleiten wollen?

    Vielen Dank für das Gesprächsangebot. Ich würde mir wünschen, dass die DJU ein eindeutiges und klares Statement zu dieser Pressekonferenz abgibt. Vielleicht kann mich das ja überzeugen, meine Entscheidung zu revidieren.

    Kollegiale Grüße

    John F. Nebel

  17. Name says:

    Super Sache, richtig so!

  18. Bleicher says:

    Lieber Kollege Nebel,

    auch ich bedaure deinen Austritt und hätte mir gewünscht, dass du zumindest die Pressekonferenz selbst und ihren Verlauf abgewartet hättest.
    Auf eine Anfrage zur PK von Thomas Beckendahl hat ver.di geantwortet. Dies für dich und auch die anderen Diskutannten/-innen zur Info.
    Siehe: http://www.netzpolitik.org/2010/5-vor-12-ver-di-beantwortet-unsere-fragen/#more-12906

    Mit freundlichen Grüßen
    H. Bleicher (ver.di)

  19. Lou Canova says:

    Sehr schön. Werde auch mal austreten.

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