Schlaglichter aus Istanbul

“Liebe Paula” schrieb mich Olcay vor drei Tagen aus Istabul an, “es wird hier morgen wieder brennen. Erdogan hat nun die letzte Hochburg der oppositionellen Bewegung angegriffen, das Internet. Ich schreibe dir mehr wenn ich von der Arbeit wiederkomme. Alles Liebe, Olcay”

Eine neue Zensur ist auf dem Weg und wurde schon von der AKP-Regierung verabschiedet. Wird das neue Gesetz erst einmal vom Präsident Abdullah Gül unterzeichnet, kann Erdogans Regierung einzelne Seiten  ohne gerichtlichen Beschluss sperren.

In Absprache mit Olcay teile ich hier schlaglichtartig Auszüge Ihrer Email in der sie mir zum Abend des 8. Februar über die Proteste um den Gezi Park schrieb.

“Straßenverkäufer bieten diverse Köstlichkeiten an, Kinder tummeln auf dem Spielplatz, Schüler, Studenten und Touristen genießen das unüblich milde Wetter. Doch setzt man sich erst mal auf eine Bank und lässt sich vom Verkäufer einen gebrühten Schwarztee anbieten bemerkt man die andere Seite dieser angeblich friedlichen Atmosphäre; zivil gekleidete Polizisten laufen Streife; mal in zweier mal in dreier Gruppen. Einige tragen ihre Funkgeräte sogar in ihrer Hand. Tief scheint noch die Angst der Regierung zu sitzen den Park wieder zu “verlieren”. Überall um den Park herum und vor allem am Taksim Platz reihen sich Busse voller Polizisten. Ein üblicher Demo-Samstag.”

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“Mittlerweile nutzen einige nicht mal mehr Gasmasken. Die wurden so oft konfisziert und als Beweismaterial für angebliche ‘terroristische Verbindungen’ genutzt das viele nur noch Tücher um den Mund binden. Ab der 2. Stunde sollte man schon eine Pause einlegen oder Masken tragen um langfristige Erkrankungen zu vermeiden. Weißt du, Paula, mindestens einmal im Monat haben wir hier ähnliche Kämpfe wie in Hamburg bei der Demo für den Erhalt der Rote Flora”

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[Zum Bild: oben rechts von der Gas sieht man Talcid in einer Wasserflasche, was gegen die Tränengassäure nach den Kämpfen im Gesicht angewendet wird. Hier unten nochmal eine leere Flasche.]

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“Viele der Demonstrant_innen fühlen sich mit anderen anti-faschistischen Bewegungen in der Welt solidarisch. Seit der Gezi kontaktieren wir oppositionelle Bewegungen wie in der Ukraine, Brasilien, Bosnien oder Athen. Hier ist eine gefühlte Schwester- und Bruderschaft mit allen Frauen und Männern entstanden, die sich für Freiheit einsetzen. Alle linke Fraktionen, oppositionelle Bewegungen, Autonome und Anarchisten bauen fortwährend ihre internationalen Netzwerke aus und tauschen sich viel mehr aus als zuvor. Seitdem ist bei jeder Demo für Überraschungen gesorgt, ich beobachte immer neue und kreative Proteste, fast als sei das eine Art Protestlabor.”

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“Eine junge Frau die auch zur Gruppe gehört zückt zwei beleuchtete Poi-Bälle und schwingt sie gegen den Wasserwerfer der die Barrikade nicht durchbrechen kann und daher kaum Gefahr darstellt.”

 

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“Obwohl de Auseinandersetzungen seit ca. 3 Stunden laufen, singen, tanzen und grölen Frauen und Männer und bewerfen die Polizei mit allem was leicht genug ist um gehoben und geschleudert zu werden. Maskierte Demonstrant_innen die twittern, Bilder auf Facebook teilen und per Telefon Freunde zusammenrufen… kaum zu glauben was die Menschen an Energie und Freundlichkeit aufbringen damit wir und in dieser radikalen Situation sicher und wohl fühlen. Wasser, Bier und sogar Tee aus der Thermoskanne wird angeboten. Ca. 1 Stunde hält die Barrikade. Die Polizei umgeht sie über Seitenstraßen. Zeit zum Ortswechsel. Welche Routen sicher sind, wird schnell über Twitter festgestellt und dann geht es los Richtung Taksim.”

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“Ich beobachte vermummte Demonstranten die Kanister zurück werfen oder Glasmurmeln mit Steinschleudern schießen. Gelingt es einem einen Polizisten zu treffen fangen sie an zu tanzen, springen sich gegenseitig an suchen daraufhin sofort Deckung um nachzuladen.”

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Olcay ist Biologin, 32 Jahre alt und lebt in Istanbul.

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