Konfetti gegen die Bundeswehr… und warum die re:publica eine Chance verpasst hat

Foto: @Eisbar_Lars

Die Digitalkonferenz re:publica sieht sich selbst als Ort der Debatte, der Kritik, der Einmischung, der Demokratie und der Intervention. In diesem Jahr gab es sogar einen eigenen Space, an dem Teilnehmer Protestschilder malen konnten. Das gesamte Design der Konferenz war auf das Motiv “Protestplakat” ausgerichtet. Als es dann wirklich zu Protestaktionen auf dem Kongress kam, löste das bei Publikum und Veranstaltern teilweise Ablehnung und Irritationen aus.

Doch von Anfang an. Wie der Tagesspiegel berichtete, hatte die Bundeswehr versucht sich einen Stand auf der re:publica zu sichern – und bekam ihn nicht. Doch am Ende war die Bundeswehr doch auf der Konferenz vertreten: In einer Podiumsdiskussion über “Content-Marketing” sollte der “Beauftragte für die Arbeitgebermarke der Bundeswehr” Dirk Feldhaus, die Möglichkeit bekommen, vollkommen unhinterfragt die Werbestrategie der Bundeswehr darstellen zu dürfen.

Das Panel war eine Veranstaltung der Media Convention, einer Konferenz, die zeitgleich zur re:publica, im gleichen Gebäude und mit der gleichen Eintrittskarte stattfindet. Viele Besucher dürften gar nicht mitbekommen haben, dass es sich um eine andere Veranstaltung handelt, so integriert ist die Media Convention in das Konzept. Da half dann auch die Distanzierung von re:publica-Gründer Johnny Haeusler  wenig. Zumal es töricht wäre, wenn die re:publica keinen Einfluss auf das Programm ihrer Partner hätte.

Als nun das Panel begann, stürmten etwa 15 Menschen mit Konfetti, Glitzer und Protestschildern die Bühne und zeigten für vielleicht eine Minute ihren Unmut, dass die Bundeswehr auf der Konferenz einen solchen Raum bekam. Anlässlich der momentanen Ausweitung des Cyberwars und dem Skandal um Rechtsterrorismus in den Reihen der Armee eine logische Reaktion für kritisch denkende Konferenzbesucher.

Vielleicht wäre der Protest ausgeblieben, hätte der Bundeswehr-Werber in einem Streitgespräch auf der Bühne gesessen, auf dem ihm kritischen Fragen gestellt werden. Doch das war nicht das Umfeld der Veranstaltung. Ganz im Gegenteil: Die Moderation war affirmativ und im Publikum saßen etwa 400 Werbe-Fuzzis und Influencer-Marketing-Tanten, die so gar nicht verstehen konnten, warum man mit so einer personellen Besetzung nicht einverstanden sein könnte. Ungläubige Blicke und die Aktion kritisierende Tweets waren die Folge. Einer der Teilnehmer empörte sich auf Twitter und zensierte auch gleich die Sprüche auf den Protestplakaten in Echtzeit weg. Andere übernahmen gleich selbst die Slogans der Bundeswehr-Kampagne.

Die Zuschauer beklatschten im weiteren Verlauf der Veranstaltung artig die Video-Zugriffszahlen der Bundeswehr und am Ende ließ die Moderatorin keine Fragen zum Thema zu. Der Mitschnitt des Panels auf Youtube wurde sogar um die Aktion zensiert enthält die Aktion nicht (ab ca. Minute 18), so dass diese dort gar nicht stattfindet. Besser hätte auch das Internationale Olympische Komitee einen Protest nicht wegschweigen können.

Protest bitte nur als schicke Instagram-Deko

Der Vorfall zeigt gleich mehrere Problemfelder: Wie weit darf eine Konferenz eigentlich die eigene Anschlussfähigkeit und Mainstreamigkeit drehen, ohne sich selbst komplett zu verraten? Gebe ich soviel Macht an Partner und Sponsoren ab, dass ich den Einfluss auf das Programm verliere? Wann verliere ich eigentlich diejenigen, die einmal treibende Kraft der Konferenz waren?

Dass solche Aktionen stattfinden, zeigt dass die Fliehkräfte der aus der Blogger- und Netzbewegung entstandenen Konferenz mittlerweile überreizt sind. Ein Teil des Publikums findet sich nicht mehr wieder zwischen Google-Ständen, Marketing-Getöse, Mercedessternen und einer Bundeswehr, die ihre Rekrutierungspropaganda auf der Konferenz abfeiern darf. Zugleich sind diese Leute irritiert über ein Publikum, das in Teilen so unkritisch ist, dass das Protestschild-Design der ganzen Konferenz nur noch als schöne Deko wahrgenommen wird, vor deren Hintergrund man hübsche Instagram-Bilder machen kann. Eine Aktion wie der Konfetti-Regen ist also mehr kritische und liebevolle Solidarität mit den Veranstaltern als eine Aktion gegen sie.

Die re:publica kann deutliche Zeichen setzen

Wenn die die re:publica den Weg der Mainstreamisierung weiter geht, dann verpufft der politische Anspruch der ganzen Veranstaltung in Marketing-Blabla. Diese Entwicklung ist sehr schade und traurig, denn ich mag diese Konferenz und auch die, die sie machen. Denn trotz allem gibt es ein tolles Programm, das eben genau eine kritische und demokratische Auseinandersetzung ermöglicht. Und jedes Jahr schafft die re:publica immer noch Raum für wichtige politische und kritische Positionen und bringt diese im Rahmen der Berichterstattung über das Event in den Mediendiskurs ein.

Als Konferenz muss man sich aber entscheiden, ob man versucht, eine Community zu stärken, zu fördern und weiter aufzubauen – oder ob man sich dem Mainstream bis zur Unkenntlichkeit annähert und dann irgendwann selbst in diesem untergeht. Als großer und wichtiger Player im digitalen Diskurs – und genau das ist die re:publica ja – kann man starke politische Zeichen setzen. Wenn man will. Und wenn man sich traut.

Ein solches Zeichen wäre: Wir stehen für Frieden, gegen Cyber-Kriege und gegen die Anwerbung von minderjährigen Menschen für die Armee durch teure Youtube-Kampagnen. Um die Welt zu verändern, braucht es klare Positionen. Diese Chance hat die re:publica verpasst.

Update:

Es gibt mittlerweile ein sechs Tweets langes Statement (1,2,3,4,5,6) der Media Convention zum Vorwurf, die Aktion im Mitschnitt herausgeschnitten zu haben. Demnach werden Videoeinspieler der Veranstaltung aus Urheberrechtsgründen nicht im Mitschnitt gezeigt. Die Protestaktion fand während eines Einspielers statt.

https://twitter.com/MCBerlin17/status/862715870623281154

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

6 Kommentare

  1. Stefan says:

    Zensiert ist ein zu starkes Wort, nennen wir es Schadensbegrenzung :-)
    Allerdings war so ein Vorfall doch nur eine Frage der Zeit, wenn man mit Sponsoren und Co Veranstaltern ins Bett geht und nicht höllisch aufpasst.

  2. V. says:

    Siehe auch die Intransparenz der Orga bei der re:publica 2016:
    https://freiheitsfoo.de/2016/07/31/daimler-und-republica/

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