Metrolaut 25 – Kultur des Dschihad

Unser Gast Arne Vogelgesang ist Regisseur und Performancekünstler.
Im Rahmen seiner Arbeit hat er sich ausführlich mit Kommunikation und Propaganda von Dschihadisten im Netz beschäftigt.

Arne, der sich gegen die Bezeichnung “Experte” wehrt, taucht mit uns aus Konsumentenperspektive ein in die Welt des Dschihad, in salafistische Szenen und in unterschiedliche Formen der Online-Kommunikation des Islamischen Staates.

Wir betrachten gemeinsam klassische und jüngste Propagandastücke des Islamischen Staates und versuchen herauszufinden, was die Anziehungskraft der Dschihadisten ausmacht. Darüber hinaus gibt es einen Abriss zur Geschichte des internationalen Dschihadismus von den Anfängen bis heute.

Den Termin für diese Episode hatten wir schon vor den Anschlägen von Paris vereinbart, leider holte uns die Realität ein.

Wir empfehlen die MP4-Version dieser Folge, da sie Kapitelmarken enthält.
Wir empfehlen ohnehin, den MP4-Feed zu abonnieren.

Links:

 Einleitung

Geschichtlicher Überblick des Dschihad

Deutsche und österreichische Dschihadistenszene

Al-Quaida und ISIS

geschrieben von: Metrolaut

John F. Nebel und Kalle Kornblum sprechen mit wechselnden Gästen und sich selbst über den allgemeinen Wahnsinn in Politik, Kultur und Staatswesen. Auch andere Metronauten, wie zum Beispiel der furchtlose Hans Gift, sind regelmäßig mit dabei. Kurzweilige Einspieler und Sonderausgaben runden das Propaganda-Paket ab. Alle Episoden von Metrolaut gibt es hier. Abonnieren kann man uns bei iTunes, in Instacast, per torrent über Bitlove und natürlich auch direkt per RSS-Feed.

43 Kommentare

  1. Eva says:

    Wer hat euch eigentlich ins G geschissen diese Kampflieder in den Podcast einzubauen????
    Danke und nie wieder….

    • Hardy says:

      Ich finde, dass die Einspielung dieser grausamen dschihadistischen Kampflieder sehr gut die Denke von IS illustriert. Das macht für mich diese Folge aus, dass nicht abstrakt über die Propaganda geredet wird, ohne dass man selbst eine Chance hat, sich sowas anzuhören.

      Mich würde die Meinung der Metrolaut-Macher dazu interessieren.

      • John F. Nebel says:

        Wir haben uns davor natürlich auch gefragt, ob es journalistisch richtig und angebracht ist, diese Einspieler aus Propagandavideos und Musikstücken einzubauen.

        Wir haben uns dafür entschieden. Denn die Idee dieser Folge von Metrolaut ist: Mehr über das Denken und die Ideologie von Dschihadisten zu erfahren. Ich bin davon überzeugt, dass so etwas besser funktioniert, wenn man Fragmente anhören kann – eingebettet in eine Bewertung und Diskussion. Mich persönlich nervt eine Berichterstattung vom Hörensagen, bei der über Dinge geredet wird, die der Hörer nicht kennen darf.

        Ich mache und höre Podcasts, weil sie den Raum öffnen für eine tiefergehende Beschäftigung mit einem Thema. Zudem gehe ich davon aus, dass die Lesenden/Hörer:innen mündig genug sind, sich ein eigenes Bild zu machen. Zu diesem Bild machen gehört nach meinem Verständnis von Journalismus auch, dass man sich ggf. auch menschenverachtende Scheisse wie diese Kampflieder anhören können muss.

        Für mich persönlich waren sehr viele dieser Eindrücke und Einblicke vollkommen neu. Das finde ich spannend, denn sie erweitern mein Verständnis über den gesamten Themenkomplex ISIS, der heute und auch in den nächsten Monaten unsere Nachrichten prägen wird.

        Ich würde mich freuen, wenn es vielen Hörer:innen auch so geht.

        • la says:

          Danke dafür. Ich bin noch dabei den Podcast zu hören und habe vorher auch nie solche Propaganda gesehen oder gehört. Leider findet man die Videos nicht mehr bei youtube, was ja zu erwarten war.

    • Kalle Kornblum says:

      Eine Kultur des Augenverschließens und Bevormundens hat Metronaut nie gepflegt.

      1. Über Dinge zu sprechen, ohne sie zu zeigen, ist unglaubwürdig und verzerrend. Das können andere machen.

      2. Für die Hörenden, denen die moralische Festigung fehlt, haben wir Kapitelmarken. Und den “unsubscribe”-Button ;)

    • André says:

      Auf der Terrorfahndungsliste gelandet, weil man Metrolaut im falschen Moment über die Lautsprecher gehört hat? Mit Kopfhörern wäre das nicht passiert.

  2. Patrick says:

    Da im Podcast öfter die Frage nach der Konstitution gefragt wurde, die jemand haben muss, um sich diesem Kult anzuschließen, empfehle ich von Klaus Theweleit “Das Lachen der Täter”. Bei Bedarf auch sein älteres Buch “Männerphantasien”. Zum einen bietet er eine Erklärung für das Lachen und den häufig zu erkennenden Parallelen, die es zufällig erscheinen lassen, welcher todessehnsüchtigen Ideologie sich nun jemand anschließt.

    • Arne says:

      Der Theweleit ist wirklich sehr inspirierend und war für mich eine wichtige Referenz, als ich angefangen habe, mich mit Breivik und dann den “Jungs” zu beschäftigen. Auf ersteren passt er wie Faust aufs Auge, für die jihadistische Bewegung kommt er als Erklärungsmodell an Grenzen, finde ich, auch wenn vieles plausibel ist. Das Lachen auf den ersten Blick ja, das gestörte Verhältnis zu Frauen sowieso, aber das Körperschema etwa scheint mir ein anderes zu sein. Auf den zweiten Blick habe ich dann auch den Eindruck, dass bei den Jihadisten zu anderen Zeitpunkten und mit anderer Funktion gelacht wird. Gott macht letztlich doch einen Unterschied. Grundsätzlich mag ich aber – und das hängt ja damit zusammen, auch wenn von den Diskutanten in der Regel nicht “theweleitsch” argumentiert wird – die Parallelisierung von Jihadismus und Faschismus nicht. Zu geringer Erkenntniswert bei zu vielen Gefahren fürs Argument. Zumal die Rechten auf dieser Gleichsetzung sitzen wie der Mops auf dem Klops. Ich hab aber auch nur die “Männerphantasien” gelesen, das “Lachen” immer noch nicht.

      • Patrick says:

        Im Lachen der Täter wird seine Theorie noch angreifbarer, da er sie mit einer zumindest diskutablen naturwissenschaftlichen Theorie verbindet und meint damit ein stabiles Fundament bekommen zu haben. Er parallelisiert die Phänomene ja auch nur auf der Körperebene und argumentiert, dass das Ideologische, außer als Hinterlegung eines höheren Sinns, keine größere Rolle spielt. Das hat mich an das Motiv der Ich-Schwäche oder des autoritären Charakters erinnert, wie es im Umkreis der Kritischen Theorie ausgearbeitet wurde. Letztere scheinen damit ja in eine ähnliche Richtung wie Theweleit zu gehen und dem ideologischen Element ein gewisse Beliebigkeit zu attestieren.

        • Bernd says:

          Ist eine biologische Erklärung nicht ohnehin widerlegt, weil dort wo Gleichberechtigung herrschte (z.B. in der RAF), Frauen genauso mitgemordet haben?

          • Patrick says:

            Auch wenn Theweleit sagt, dass nur Männer diese Art von Massaker vollbringen, geht er ja nicht von einer genetischen Ursache, sondern einer bestimmten körperlichen Konstitution aus. Der Unterschied besteht darin, dass du bei ersterem ja von angeboren sprichst, beim letzteren eher die Erziehung und körperliche Erfahrungen meinst.
            Die von ihm genutzte naturwissenschaftliche Theorie besagt im groben, dass sich körperliche Erfahrungen im Gehirn abbilden bzw. Karten ihrer Erfahrung bilden. Im Grunde würde das auch für Frauen gehen (vermute ich). Außerdem geht es nicht um einfachen Mord (zu denen Theweleit auch Frauen für fähig hält – gibt ja genug Beispiele), sondern um Massaker.

          • Arne says:

            Ich bin nicht sicher, worauf die Frage letztlich zielt, aber Theweleit beschäftigt sich mit dem, was ich kurz den “faschistischen Mann” nennen würde. Der Sprung zur RAF ist da etwas zu weit, aber das ist schon der Wunsch, eine schnelle Erklärung für historische gesellschaftliche Phänomene parat zu haben, ob sie nun biologisch, soziologisch, psychologisch oder moralisch sei.

            Das Wertvolle ist m.E. in den “Männerphantasien”, dass er zuerst einmal den Faschisten selbst zuhört, also ihre Literatur, Selbstbeschreibungen etc. analysiert. Die Prämisse ist simpel und auch für die Diskussion hier wichtig: Wenn man über das Selbstverständnis, die Motive und die Psychologien von Leuten sprechen will, sollte man wissen, was sie über Handeln und sich selbst sagen. Die Leute lügen nämlich viel seltener, auch in der Propaganda, als man glaubt. Daraus folgt aber auch, dass er zuerst einmal gut über (deutsche/europäische) Faschisten im 20. Jh. sprechen kann. Auch für Breivik treffen seine Erkenntnisse noch sehr gut, dessen Wunsch ist ja aber auch “back to the 50s” – zugespitzt gesagt ist er ein Faschist, der von Jihadisten zu lernen versucht.

            Weitere Verallgemeinerungen sind aber immer so ne Sache, und das betrifft auch die etwas pauschale Vermutung, Ideologie wäre “letztlich austauschbar” – das finde ich zu simpel schon da, wo Ideologien eben auch so etwas wie einen kollektiven Körper organisieren und schon in ihrer Verwendungsweise von Sprache und Bildern selbst einen physischen Aspekt haben. Für die Jihadisten spielt m.E. zum Beispiel Liebe eine erstaunlich große Rolle als Argument und ist emotional wesentlich gehaltvoller als bei Breivik oder anderen Faschisten, wo sie nur in der Stummelform von Patriotismus vorkommen darf. Und als Narzissmus.

          • Bernd says:

            Ach so, ich hatte das so verstanden, dass er Frauen aus biologischen Gründen nicht zur Begehung derartiger Massenmorde hielte.

  3. Ro1ber says:

    Thanks für diesen Ritt durch eine sonderbare und ekelhafte Welt. Euer Podcast hat mir mehr Eindrücke verschafft als die vielen Zeitungsartikel, die ich bislang darüber gelesen habe.

  4. Patrick Sendscheid says:

    Ich möchte mich sehr bedanken für diese informative Folge. Ihr habt tiefe Einblicke verschafft in eine völlig fremde Welt, und gerade die Einspieler waren dafür sehr förderlich – auch wenn sie sehr verstörend waren.

  5. André says:

    Ich habe gehört, der Islamische Staat sei religiös von Prophezeiungen bzw. einer eigenen Eschatologie bewegt. Zur Erfüllung müssen sie gegen fremde Armeen an einem bestimmten Ort im Nahen Ost kämpfen. Die Herausforderung an westliche Staaten Truppen zu entsenden, hat man ja in den Propagandamedien gehört.

    Zum einen: Stimmt das? Und wenn ja, glauben führende IS-Anhänger so ernsthaft daran, dass sie auch Nachteile hinnehmen würden, um diese Konstellation herzustellen?

  6. 5ara says:

    Interessanter Podcast. Könnt ihr jetzt bitte bitte noch einen desillusionierten Rückkehrer finden und interviewen? Oder gerne auch eine Rückkehrerin.

  7. Michael says:

    Sehr sehr interessanter Podcast. Ich finde es bemerkenswert, wie euch nun Propaganda für den IS unterstellt wird. Ich halte es für sehr wichtig, sich mit den Originalen auseinanderzusetzen und mir hat euer Ansatz sehr gefallen.

  8. DerHuette says:

    Vielen Dank für diese überaus informative Folge!!

    Ich finde die Einspieler auch richtig. Mehr sogar, ich möchte die Videos sehen. Eines habt Ihr ja verlinkt, aber das wurde aus youtube entfernt. Könnt/wollt ihr die Quellen der Videos veröffentlichen?

    • John F. Nebel says:

      Wir haben uns dagegen entschieden die Videos zu verlinken. Mal abgesehen davon, dass die Links sehr schnell nicht mehr gehen, ist uns das auf mehreren Ebenen zu heikel. Viele sind aber mit einer etwas geduldigeren Google-Recherche sicherlich noch zu finden.

    • Philipp says:

      Unter den Links findet sich die Seite “Jihadology”, die jihadistische Propaganda (Videos, Magazine, Audionachrichten) verschiedenster Gruppierungen archiviert und teilweise übersetzt.

      • DerHuette says:

        Ja, danke, bin ich auch drauf gestoßen. Mir reicht’s schon! Auch wenn ich nicht wirklich gefunden habe, was ich eigentlich suche.

  9. DerHuette says:

    ok, verstehe ich. Aber Ihr seid Schuld, wenn ich durch meine Recherche zum Dschihadisten werde!!

    • John F. Nebel says:

      Diese absurde Logik gibt es leider tatsächlich in manchen Köpfen.

      • DerHuette says:

        Naja, ich bin eigentlich auch nicht wirklich für Verstecken und Pseudogeheimhalten. Wer hatte ihn den 80ern keinen Vollpfosten in der Klasse, der heimlich Hakenkreuze etc. gesammelt hat, weil’s ja so prickelnd verboten war. Ich bin für offene Auseinandersetzung!
        Abgesehen davon, was ich heute durch die Suche schon für ekelhafte Sachen gesehen habe…

  10. fidel says:

    Sehr interessante Sendung.

    Zum Thema Bart eine Anektdote: ich war vor nem Jahr im Südosten der Türkei im Urlaub kurz bevor es da kritischer wurde und dort hatten auch alle “jungen” Leute keinen Bart und haben immer gesagt, dass alle sich den Bart rasiert hätten, um nicht mit Islamisten verwechselt zu werden. In Ägypten habe ich das übrigens auch schon mehrfach gehört..

  11. SäkulärerStaat says:

    Alle Kritik am Islam wird pauschal abgeheftet als Nazi-PR und bei den Kopfabschneidern wird dann über äthetische Befindlichkeiten und Details wie Grinsebacken philosophiert. Ekelhaftes Gemisch.

    • John F. Nebel says:

      @Seakularer Staat: Sie haben den Podcast gar nicht wirklich angehört, oder? Wo genau im Podcast wird Kritik am Islam als Nazi-PR abgeheftet?

  12. Viktor says:

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Podcast. Bin 1968 geboren und kann mich noch an den Einmarsch der Russen in Afghanistan erinnern. Daher sind mir einige Eurer Ausführungen bekannt. Es ist aber auch Neues dabei. Wie Ihr den Bogen von Afghanistan über Bosnien, Irak und letztlich Syrien spannt, finde ich interessant. Als die Taliban in Afghanistan wüteten, war mir das egal, es war ja weit weg. Jetzt findet der Krieg vor unserer Haustür statt. Wie kann man das stoppen? Militärisch hat es bisher nicht funktioniert. Verhandlungen? Die lachen uns doch aus. Eine riesige Herausforderung für die Politik.

    Und: Ich finde es gut, dass Ihr die Gesänge abspielt. Das gehört dazu. Und ich verspüre nicht das Bedürfnis jetzt nach den Videos zu googeln.

  13. Martin Daniken says:

    Dieses Philosophieren ist ja ganz nett:Theweleit undso ! Aber mehr nicht.
    Mir fehlte der knallharte Blick auf Machtstrukturen.!

  14. schlingel says:

    Also ein paar Statements sind dann doch sehr heftig. Diese sind zwar wahrscheinlich nur dem auf abstrakter Ebene geführten Diskurs geschuldet, sollten aber nicht unangesprochen bleiben.

    1. “Westliche u. IS-Truppen tun das gleiche – sie morden.”
    Nein. Würden westliche Soldaten so operieren wie der IS hätten wir folgendes Ergebnis:
    – Die entsprechenden Zielländer wären längst leer gebombt. Weder Zivilist noch Kombatant übrig wären übrig.
    – Kriegsgerichte, etc. wären massiv entlastet da das gesamte Kriegsrecht und die nationalen Militärgesetze nicht mehr gelten würden.

    Westliche Armeen machen auch keine Werbung damit Gefangene lebendig zu verbrennen und dieses “Kunstwerk” [sic] auch noch in’s Netz zu stellen.

    2. “Westliche Armeen schieben das töten weg – siehe Scharfschützen oder Drohnen”
    Zum einen ist der Scharfschütze näher beim Ziel als viele andere Soldaten. Er begleitet sein Ziel einige Zeit, weis was dieses tut und wie er sich verhält. Wenn er abdrückt hat er die Blutwolke 10cm vor seinem Gesicht. Wie soll das Entfremden?

    Der Drohnenkrieg ist eine andere Geschichte. Ich stelle aber frecherweise die These auf, dass es für den Piloten puncto Tötungshemmung und emotionale Involviertheit keinen Unterschied gibt ob er jetzt im Kampfflugzeug sitzt oder im Pilotenraum in Rammstein. Krass ist nur der Moment wenn man den Raum verlässt und heim zur Familie fährt nachdem man tausende Kilometer entfernt eine Hochzeit gesprengt hat.

    Und wer seinen Wehrdienst abgeleistet hat und zu Anfangs die Infanterieausbildung gemacht hat, dem wird schon eingebläut, dass es man schießt um zu töten oder zumindest fatal zu verwunden. Nichts anderes heißt kampfunfähig.

    Aber dennoch, eine erschreckende und sehr interessante Folge.

    • Arne says:

      Danke für die Anmerkungen! Wir bewegen uns in unserer Plauderei natürlich oft auf einem dünnem Eis zwischen Beliebigkeit, moralischer Fragwürdigkeit und lückenhaftem Wissen. Ich möchte trotzdem gerne auf die beiden Punkte kurz antworten:

      1. Ich kann mich an den Kontext, in dem diese Aussage fiel, nicht mehr erinnern. Wenn Du Opferzahlen und Tötungsformen aufrechnest und allgemein die Logik des Vorgehens betrachtest, hast Du natürlich große Unterschiede zwischen den Parteien. Auch etwa, was die Deifinition von “Unschuldigen” oder Zivilisten betrifft. Andererseits ist es Krieg schon so, dass alle Seiten Menschen töten, die nicht an Kampfhandlungen beteiligt waren – auch die westliche “Koalition” hat eine dreistellige Zahl ziviler Opfer, unter ihnen nicht wenige Kinder, zugegeben. Ob man so etwas “Kollateralschaden” oder “Mord” nennt, hat wohl etwas mit der argumentativen Position zu tun und ist eher eine Frage von Politik und Moral als eine juristische.

      Nichtsdestotrotz: Der IS mit seinem Staatsprogramm bringt keineswegs einfach alle um, wie es Dein Vergleich umgekehrt nahelegt, denn er braucht Bürgerinnen und Bürger. Die Politik ist Terror, nicht das totale Blutbad. Und auch der IS bemüht sich um eine Gerichtsbarkeit, auch wenn die sich ausdrücklich internationalen Standards entzieht. Die (veröffentlichten) Tötungen werden durchaus begründet. Das von Dir angesprochene Verbrennungsvideo ist das beste Beispiel dafür, da es selbst wie ein Gerichtsprozess funktioniert. Das ist kein Plädoyer für das “Rechtswesen” des Islamischen Staates, aber aus dessen Perspektive könnte man auch so etwas wie eine “nationale” Militärgesetzgebung annehmen – anders wäre die Armee nicht zu kontrollieren.

      Zum “Kunstwerk”: Ich habe das schon an einigen Stellen gesagt und habe jedes Mal das Gefühl, eine Art Stockhausen-Gedenkraum damit zu betreten. Heikle Sache, keine Frage, und aus der Perspektive von al-KasÄsba und seinen Angehörigen und Freunden nur zynisch. Worauf ich mit dieser Provokation abziele, ist die Kenntnisnahme des bewussten und professionellen Einsatzes künstlerisch-handwerklicher Mittel, zudem einer beeindruckenden simultanen Adressierung verschiedener widersprüchlicher Zuschauergruppen. Das und die größere ästhetische Ironie im Einsatz der Computerspielästhetik gibt dem Video so weit einen Kunstcharakter, wie die “westliche Welt” (um in dieser Gegenüberstellung zu bleiben) sich darauf verständigt hat, alle möglichen Popsternchen “Künstler” zu nennen. Ich finde, wir sollten uns hüten, bei unserem faktischen Kunstbegriff jetzt bei den anderen plötzlich wieder den Picasso aus dem Hut zu ziehen. Es könnte den Blick auch noch auf einen weiteren Punkt lenken, den ich sehr wichtig finde: auf den Unterhaltungscharakter von Propaganda, speziell im Internet. Allgemein haben wir bei solchen Themen immer das große Problem, dem realen Leid nicht nur keine angemessene Anerkennung geben zu können, sondern immer wieder auch darüber hinweg und daran vorbei zu denken. Das ist auch Symptom meiner eigenen empathischen Abstumpfung. Das hat vielleicht auch mit dem zweiten Punkt zu tun:

      2. Ich habe keine Kampferfahrung, aber Computerspielerfahrung – auch als Scharfschütze. Da habe ich die Blutwolke dann auch 10 cm vorm Gesicht. Trotzdem bleibt die Erfahrung auch deswegen leicht verarbeitbar, weil mein Körper komplett unbeteiligt ist. Das ist kein Gegenargument, weil zwischen einem Spiel und realem Schuss natürlich ein großer Unterschied besteht. Es gibt aber meines Erachtens auch eine kulturelle Konvergenz zwischen der Entwicklung von Tötungstechniken, ihrer Repräsentation und der dazugehörigen Subjektivität. Vielleicht sollte man präziser sagen, dass wir mit unserer massiven dauerhaften Darstellung von Tötungshandlungen in unseren visuellen Unterhaltungsmedien eigentlich fast alle ständig sehr nah dran sind am Töten – aber eben virtuell. Ich glaube nicht, dass das keine Folgen darauf hat, wie junge Soldaten und Soldatinnen dieses Geschäft betreiben. Dies aber eher als Anknüpfung, nicht als Gegenargument.

      Viele Grüße!

  15. Derim says:

    Ein äußerst interessanter Podcast! Die eingespielten Hass-Clips fand ich auch interessant, wann hört man schon mal so etwas.

    Da ihr euch ja ausschließlich mit dem sunnitischen Dschihadismus beschäftigt habt, hätte ich eine Idee für eine Fortsetzungsfolge: Der schiitische radikale Kampf. Dieser ist nicht nur kleiner und richtet sich ja kaum gegen den Westen, sondern hat mit der quasi-staatlichen Hisbollah noch ganz andere Formen angenommen – nun schon über Jahrzehnte. Wie wäre es mal mit ein paar Einsichten dazu?

  16. Martin Däniken says:

    Es geht in der “Erziehung”aka Ausbildung zum Kriegsführenden oder ausführenden Organ darum,das zu eleminierende Humanelement zu dehumanisieren-leider sind wenige Menschen wirklich zu Snper geeignet..das rein Technische geht,aber leider haben wir Menschen Emotionen :
    zuviel ist nicht gut für einen Sniper zuwenig aber auch nicht..
    Man kann durch Killerspiele gewisse Automatismen einüben ,die in einer realen Lage nützlich sind,aberwenn alles andere nicht funktioniert hilft das auch nichts!
    Und was das Kopfabschneiden oder Verbrennen angeht,der IS bringt sich in eine Lage als nicht gesprächsfähig wahrgenommen zuwerden(ausser im Öl-,Waffen- und Kunsthandel)…aber warum?
    Wenn man denkt und entsprechend handelt als wäre man im Besitz der einzig wahren Wahrheit,berechtigt einen das zu allem!
    Es ist nur eine Frage der PR und nicht von Männlichkeitsphilosophiereien.

  17. Stefan says:

    Sehr interessant. Habe mir den Anfang des Gesprächs angehört und werde auf der Heimfahrt den Rest konsumieren.

  18. Marcus says:

    Vielen Dank für den Podcast.
    Mich beunruhigt, wie vertraut und angenehm mir die Einspieler vorkamen, ganz und gar nicht “Hass-Clip[s]”. Hmm.
    Ich schwanke zwischen zwei Haltungen Euch und der Folge gegenüber: Einerseits fehlte mir oft ein Bezug auf islamische Terminologie und Theologie. Andererseits finde ich Euren säkularen Blick darauf enorm erfrischend.
    Vieles war dabei, was mir sehr gut gefallen hat: Danke für den geschichtlichen Bezug auf den Ägypten (Al-Jihad, Az-Zawahiri), ästhetische Gedanken und den für mich zentrale Diskussionsgedanken: Ihr redet über den verschwindenden west-gesellschaftlichen Diskurs über Tod und Sterben. Interessant. Stilblüte dabei: man hört Kronkorken ploppen.

Hinterlasse einen Kommentar