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Berlin wird Müller: Bekanntestes Graffiti der Stadt übermalt (Update)

(Neu: Mit vielen Updates und Wendungen)

Pünktlich zur Wahl des neuen Berliner Bürgermeister Michael Müller, wird in diesen Stunden in einer Nacht & Nebelaktion das weltbekannte Graffiti von Blu an der Cuvrystraße in Kreuzberg übermalt. Hintergründe sind bislang nicht bekannt, gerüchteweise soll der Besitzer der Brache das angeordnet haben. Andere Gerüchte sagen, dass Blu selbst hinter dem Übermalen stehen soll…

Auf jeden Fall verschwindet gerade ein Stück von meinem Berlin.

So entstand das Werk übrigens damals:

Update:
Der Tagesspiegel weiß auch nicht mehr, ich habe mal bei Blu per Mail angefragt. Hintergrund der Übermal-Aktion könnten auch Bestrebungen sein, das Mural von Blu unter Denkmalschutz zu stellen. Dem würde man jetzt brachial zuvor kommen.

Update 2:
Polysingularity.com schreibt, dass Blu selbst das Übermalen angeordnet habe, damit die Investoren nicht mit seiner Kunst die Preise für schicke Wohnungen in die Höhe treiben können (danke, @withoutfield)

And it is not the city of Berlin doing that, neither it is the real estate developers who want to build a new residential complex at this empty spot.

In fact, it is being done by the people related to BLU — the artist who made this painting.

With his consent.

Sort of a desperate statement: having learned that a new house would be built at that spot with a panning view on the paintings (that would be preserved on the wall), the artists decided to paint them all black, so that nobody can take advantage of the original work… A “fuck you” gesture towards the city, towards the real estate company, but most of all – to all the people who love this artwork and everything that it’s come to represent.

Diese Version der Geschichte bestätigen wohl auch die Leute, die gerade vor Ort das Kunstwerk übermalen, kommt von anderer Seite hier bei uns rein. Die Arbeiter vor Ort sagen auch, dass ein großer Stinkefinger stehen bleiben soll.

Das mit dem Stinkefinger bestätigt sich jetzt auch in den neuesten Bildern:

Update 3: Wer übrigens genau hinschaut, der sieht auch, dass bei der Erstellung damals und bei der Übermalung heute, exakt die gleiche Steiger-Verleihfirma genutzt wurde. Was auch für die Variante spricht, dass Blu selbst übermalt.

Nerdcore hat jetzt auch die Variante, dass Bekannte von Blu am Werk sind.

Update 4:
Gleich ist es weg. (Danke an @MarcHonninger, der in der Kälte dort Fotos macht)

Ich finde übrigens, dass man über das Konzept des Künstlers trefflich streiten kann: Ist das Protest gegen Gentrifizierung? Die Vergänglichkeit von Streetart? Eine Arschlochaktion, die Menschen etwas wegnimmt, was sie gerne haben? Oder einfach nur ein Stinkefinger an alle?

Update 5:
Jetzt ist auch der Stinkefinger weg, einfach nur schwarz übermalt.

Update 6:
Blu selbst hat jetzt ein Statement veröffentlicht. Er sagt:

in 2007 and 2008 i painted two walls at Cuvrystraße in Berlin (with the support of Lutz, Artitude and its volunteers)
in 2014, after witnessing the changes happening in the surrounding area during the last years,
we felt it was time to erase both walls.

Update 7:

Lutz Henke, einer der Künstler, erklärt im Guardian, warum sie das alles gemacht haben:

Gentrification in Berlin lately doesn’t content itself with destroying creative spaces. Because it needs its artistic brand to remain attractive, it tends to artificially reanimate the creativity it has displaced, thus producing an “undead city”. This zombification is threatening to turn Berlin into a museal city of veneers, the “art scene” preserved as an amusement park for those who can afford the rising rents.

geschrieben von: John F. Nebel

John F. Nebel ist Blogger, Podcaster und Journalist. Bei Metronaut sind seine Themen Soziale Bewegungen, Grundrechte, Freiheit, Überwachung, Netzpolitik, Aktivismus, Public Relations und alles andere, was ihn gerade interessiert.

18 Kommentare

  1. Dave the Chimp says:

    Good old Blu! These apartments will be for rich fuckers that are moving to Berlin because they think it is “cool”, which means all of us that live here because it’s the only major European city we can afford to live in will find our rents continuing to rise. Blu doesn’t want to be part of the problem, doesn’t want to be a marketing point for the developers to use to sell their apartments.

    People shouldn’t be upset that an 8 year old crumbling mural has disappeared – they should be upset that a refugee camp was cleared to make way for the rich. Street art is not supposed to live for ever. That’s the whole point. It’s about living in the moment. This moment, right now

  2. britta says:

    nach meiner Info soll die BRache bebaut werden. (BEzirksversammlung; die Planung und bebauungsvorhaben kannste monate Vorher einsehen – dann kann man dann auch öffentlich dagegensein – vorher… Da das Haus von der Planung her anschließt, ist dann eh nix mehr zu sehen- anscheinend dient die dunkle Farbe dem Mauerwerk zum schutz – wg pilz und isolierung und so . ..

  3. black is the new blu says:

    Gute Aktion. Der Deutung von Polysingularity kann ich allerdings nicht folgen. Das Bild ist ja recht unmissverständlich. Warum hätte es ein Anreiz für Wohnungskäufer sein sollen? Weil die sich freuen einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, wenn sie aus dem Fenster schauen?

    Weiterhin ist die Gestaltung der Giebelwände wohl eher Sache der Eigentümer der drei Gebäude und nicht des Besitzers der Brachfläche (es sei denn es sind die selben).

  4. marcel says:

    hi.
    vielleicht möchtet ihr das statement von blu ja noch einfügen:
    http://blublu.org/sito/blog/?p=2524
    was jr wohl dazu zu sagen hat?
    ;¬)

  5. Patrick says:

    Liebe Leute,

    ich verstehe diese ganze Berlindiskussion nicht… ich bin hier in Berlin west geboren und aufgewachsen, Baujahr 1982, hab auch noch etwas Mauerfall erlebt und kenne noch aus Erzählungen, wie die Wohnungen im Friedrichshain 100,-€ für 90m2 gekostet haben (ja das gab es mal) – natürlich Ofenheizung…

    die Mieten schiessen nun in die Höhe und das ist natürlich gerade für freie Kunstschaffende wie ich es übrigens auch einer bin, schwierig…

    aber warum spricht der Autor hier von meinem Berlin?!

    Diese Veränderung ist doch auch eine Chance… Geld und Investoren kommen in die Stadt und beleben das Geschäft. Natürlich ist es Aufgabe der Politik die Heterogenität eines Viertels zu erhalten. Doch nur zum Vergleich: Damals, als der Prenzlauer Berg-Boom angefangen hat Ende der 90er und die jungen Leute die Generation 60 plus dort verdrängt haben, da hat auch keiner gemeckert… Im Prenzlberg ist von ausgeglichener Altersstruktur nicht mehr die Rede, aber trotzdem kann man nicht abstreiten, das diese Bewegung Berlin bereichert hat – oder?

    und: würdet Ihr nicht auch Eure Kohle in Grund und Eigen investieren, wenn ihr auf der Seite
    200 000 € rumliegen habt, egal wo die her kommen?

    was ist das Ziel von solchen (für mich spiessigen) Diskussionen à la – ich bin ja mehr Berliner als mein Nachbar. Woher kommt die Angst? Wollt Ihr nun den Zuzug von Einkommenshöheren untersagen? Eure Berlin-Elite unterstreichen? Bitte erklärt es mir :)

    es grüßt Euch herzlich
    Patrick

    • John F. Nebel says:

      “Mit meinem Berlin” meine ich liebgewonnene Dinge, Orte und Erinnerungen. Mehr nicht.

    • Robert says:

      Lieber Patrick,

      da du nur ein Jahr jünger als ich bist, hast du vermutlich auch noch die zahlreichen Clubs im Prenzlauer Berg erlebt (Knaak, Icon, usw.). Diese Läden sind allesamt verschwunden unter anderem, weil Leute, die offensichtlich unbedingt in der ach so coolen, lebendigen und bunten Szene leben wollten, dann doch keinen Lärm vor der Tür haben wollten.

      Ich habe generell nichts dagegen, dass Menschen (auch Künstler) besser verdienen, und dass sich der Haushalt einer verschuldeten Stadt erholt.

      Die große Frage ist aber doch: zu welchem Preis und mit welchen Folgen?! Schau dir doch mal Metropolen wie Paris oder London an. An vielen Orten mag es hübsch anzuschauen sein, aber im Großen und Ganzen sind die Innenstädte dort – aus meiner Sicht – zu seelenlosen, gleichgemachten Starbucks-Meilen geworden, wo alles gleich aussieht und sich abends Fuchs und Hase „gute Nacht“ sagen. Dadurch, dass Berlin dieser Entwicklung (die eben nicht zwangsläufiges Schicksal des Kapitalismus sein muss) um Jahre hinterherhinkt und dazu noch jede Menge räumliche Freiflächen besitzt, hätten wir jetzt die Chance diese Entwicklung im Zaum zu halten.

      Hast du Lust irgendwann in Hellersdorf zu wohnen, weil du dir die Miete im Zentrum nicht mehr leisten kannst?! Ich weiß nicht was du so verdienst, aber wenn ich durch die Gegend schaue, dann sehe ich eigentlich nur Neubauten, die selbst ich mir mit meinem oberen Mittelklasse-Gehalt nicht leisten können werde. Und das stimmt mich sehr nachdenklich, und nicht nur, weil ich mir um mich Sorgen mache, sondern um „unsere“ Stadt.

      Es grüßt herzlich zurück,
      Robert

      Übrigens, hätte ich 200 000 Taler, würde ich sie nicht in Eigentum investieren.

    • black is the new blu says:

      @Patrick: Wenn Du eine heterogene Bevölkerung als wünschenswert ansiehst (was ich aus deinem Kommentar schließe), dann kannst du die Entwicklung in Berlin eigentlich nicht als positiv bezeichnen. Denn der hiesige Wohnungsmarkt bietet für Haushalte mit niedrigen bis mittleren Einkommen nur noch Probleme (kaum Auswahl, miese Qualität, zu teuer). Wenn du selber betroffen bist, weißt du das.

      Die blödsinnige Diskussion um Berliner vs. Neuberliner ist irreführend. Im Kern geht es um Arme/Normalverdiener gg. Vermögende. Letztere werden von der Immobranche und dem Senat hofiert, um ihr Geld in Berlin zu vermehren. Das dabei Menschen ihre Wohnungen und angestammten Wohngegenden verlassen müssen wird billigend in Kauf genommen. Denn Steuereinnahmen sind vermeintlich wichtiger als Ideale einer sozialen Mischung in der Stadt.

      Das genau diese Vermögenden auch die Kundschaft der Kunstbranche sind, muss ich dir nicht erzählen. Als Künstler in Berlin sitzt man leider richtig schön zwischen den Stühlen.

  6. black is the new blu says:

    Empfohlen sei auch der Artikel im Guardian von Lutz Henke – einem der Mitübermaler*:
    http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/dec/19/why-we-painted-over-berlin-graffiti-kreuzberg-murals?commentpage=1

    *ein Kommentator weißt darauf hin, das Henke Mitorganisator des BMW Labs gewesen war, das ursprünglich auf der Cuvry-Brache entstehen sollte – also genau ggü. der Blu Bilder. Interessanter Twist in dieser Angelegenheit, der die Schizophrenie der Kunst- und Kulturszene ganz gut aufzeigt.

  7. kleppiberlin says:

    Danke für den sehr interessanten Artikel. Im übrigen finde ich es auch als zugezogene Berlinerin immer anstrengend wenn von den “bösen” Nicht-Ur-Berlinern gesprochen wird. Ich bin damals der Liebe wegen nach Berlin gekommen und nicht weil ich hier alles sooo cool fand. Ich glaube auch, dass es vornehmlich ein Problem von Ressourcenunterschieden ist.
    Und egal aus welchem Grund das grafito jetzt weg ist, es war streetart, die sicherlich gar nicht den Anspruch hat für immer zu bestehen. Sollte Blu die Übermalung selber angeregt haben, ist es ja eher eine Weiternutzung seiner Kunst, um eine Aussage damit zu treffen. Oder?

  8. Vincent says:

    Liebes Metronaut-Team,
    die Übermalung der Cuvry-Wände hat in Berlin einige Fragen aufgeworfen und wurde auch online viel diskutiert.

    Im Rahmen von „MaerzMusik -Thinking Together” wollen wir gemeinsam einen Blick in das Archiv der siebenjährigen Existenz werfen. Am Beispiel der Wände diskutieren wir unter dem Titel KILL YOUR DARLINGS – ART IN THE UNDEAD CITY Fragen zur Kunst im öffentlichen Raum, ihrer Verwertung und auch zur Berliner Stadtentwicklung und Kulturpolitik. Ziel ist es, Archivmaterial aus dem Diskurs und auch aus der Produktion der Wände gedanklich zu ordnen, zu erweitern und gleichzeitig die Fragestellungen für eine Publikation zum Thema festzulegen. Uns interessiert vor allem das Gespräch und die Sicht möglichst vieler Experten, seien es Nachbarn, Kunsthistoriker oder Politiker.

    Morgen findet von 12 bis 18 Uhr die letzte Runde dazu im Haus der Berliner Festspiele statt.

    Wir würden uns freuen, wenn Ihr mitdiskutiert oder helft, die Information zu verbreiten, um die Runde der Gesprächspartner zu erweitern.

    Herzliche Grüße

    Vincent

    Daten:

    KILL YOUR DARLINGS – ART IN THE UNDEAD CITY
    28.3. 12-18:00 Uhr, abschließende Gespräche
    “MaerzMusik – Thinking Together” im Haus der Berliner Festspiele

    Programmtext:
    The program organized by Lutz Henke deals with the history and the possible significance of the recently erased – and frequently referred to as most iconic – „cuvry-murals“ by Italian artist Blu. It is meant to be a hybrid of an open, hopefully growing, archive and a think tank. It provides an insight into the history of the murals (from Blu‘s first sketch to press coverage or correspondence with city officials) and invites a broad audience to contribute personal stories, pictures or questions to the archive. The bits and pieces of the open archive are meant to be a starting point to commonly discuss a variety of aspects of the existence and disappearance of the pieces which eventually should lay the ground for a publication. It is the assumption of the program that the pieces by Blu can serve as a powerful tool to ask question and to illustrate the dilemma of art in the public domain, free work, creative exploitation and urban development.
    Several sessions with invited experts such as art historians, city planers, monument conservators, neighbors or the crew who erased the paintings will draw on different perspectives to foster an exchange of ideas. A productive outcome fully depends on an engaging audience. Please send your contributions to Cuvry@artitu.de

    http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/maerzmusik/mm15_programm/mm15_programm_gesamt/mm15_veranstaltungsdetail_114969.php

    https://issuu.com/berlinerfestspiele/docs/mm15_taz_beilage/15?e=0

    http://ephemerajournal.org/contribution/kill-your-darlings-auto-iconoclasm-blu%E2%80%99s-iconic-murals-berlin

    https://www.facebook.com/events/401758880007063/

  9. In jedem Fall ist es echt schade um den Verlust eines so tollen Kunstwerks hier in Berlin.

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